Test
Download document

VON HOFMANNSTHAL, Hugo


DEIN ANTLITZ

Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen.

Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.

Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon

In frühern Nächten völlig hingegeben

Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,

Wo auf den leeren Hängen auseinander

Die magern Bäume standen und dazwischen

Die niedern kleinen Nebelwolken gingen

Und durch die Stille hin die immer frischen

Und immer fremden silberweißen Wasser

Der Fluß hinrauschen ließ – wie stieg das auf!

Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen

Und ihrer Schönheit – die unfruchtbar war –

Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz,

Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar

Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!


Melusine

Im Grünen geboren,

Am Bache gefreit,

Wie ist mir das Leben,

Das liebe, so weit!

Heut hab ich geträumt

Von dem Wasser tief,

Wo ich im Dunkel

Nicht schlief, nicht schlief!

Was sich im Weiher

Spiegeln ging,

In meinen wachen

Augen sich fing:


Die traurigen Bäume,

Durch die es blinkt,

Wenn der Ball, der große,

Rot-atmend sinkt,

Die blassen Mädchen,

Die lautlos gehn,

Mit weißen Augen

Ins Dunkel sehn,

Und der Waldfrauen

Flüsternde Schar,

Mit Laub und Kronen

Im offenen Haar ...

Rotgoldne Kronen?

Und Perlschnüre schwer?

Ich hab es vergessen,

Ich finds nimmermehr.


Ballade des äußeren Lebens

Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,

die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,

und alle Menschen gehen ihre Wege.

Und süße Früchte werden aus den herben

und fallen nachts wie tote Vögel nieder

und liegen wenig Tage und verderben.

Und immer weht der Wind, und immer wieder

vernehmen wir und reden viele Worte

und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.

Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte

sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,

und drohende, und totenhaft verdorrte...

Wozu sind diese aufgebaut? Und gleichen

einander nie ? Und sind unzählig viele ?

Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?

Was frommt das alles uns und diese Spiele,

die wir doch groß und ewig einsam sind

und wandernd nimmer suchen irgend Ziele ?

Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?

Und dennoch sagt der viel, der "Abend sagt,

ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.


Harlekin

Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen,

alle Lust und alle Qual,

alles kann ein Herz ertragen

einmal um das andere Mal.

Aber weder Lust noch Schmerzen,

abgestorben auch der Pein,

das ist tödlich deinem Herzen,

und so darfst du mir nicht sein !

Mußt dich aus dem Dunkel heben,

wär' es auch um neue Qual,

leben mußt du, liebes Leben,

leben noch dies eine Mal!