Test
Download document

WERFEL, Franz


Der rechte Weg

(Traum)

Ich bin in eine große Stadt gekommen.

Vom Riesenbahnhof trat den Weg ich an,

Besah Museen und Plätze, habe dann

Behaglich eine Rundfahrt unternommen.

Den Straßenstrom bin ich herabgeschwommen

Und badete im Tag, der reizend rann.

Da! Schon so spät!? Ich fahre aus dem Bann.

Herrgott, mein Zug! Die Stadt ist grell erglommen.

Verwandelt alles! Tausend Auto jagen,

Und keines hält. Zweideutige Auskunft nur

Im Ohr durchkeuch´ ich das Verkehrs-Gewirre.

Der Bahnhof?! Wo?! Gespenstisch stummt mein Fragen.

Die Straßen blitzen endlos, Schnur um Schnur,

Und alle führen, alle, in die Irre.


Der Krieg

Auf einem Sturm von falschen Worten
Umkränzt von leerem Donner das Haupt,
Schlaflos vor Lüge,
Mit Taten, die sich selbst nur tun, gegürtet,
Prahlend von Opfern,
Ungefällig scheußlich für den Himmel —
So fährst du hin,
Zeit,
In den lärmenden Traum,
Den Gott mit schrecklichen Händen,
Aus seinem Schlafe reißt
Und verwirft.

Höhnisch, erbarmungslos,
Gnadenlose starren die Wände der Welt!
Und deine Trompeten,
Und trostlosen Trommeln,
Und Wut deiner Märsche,
Und Brut deines Grauens,
Branden kindisch und tonlos
Aus unerbittliche Blau,
Das den Panzer schlägt,
Ehern und leicht sich legt,
Und das ewige Herz.

Mild wurden im furchtbaren Abend
Geborgen schiffbrüchige Männer.
Sein goldenes Kettlein legte das Kind
Dem toten Vogel ins Grab,
Die ewige unwissende,
Die Heldentat der Mutter noch regt sie sich.

Der Heilige, der Mann;
Hingab er sich mit Jauchzen und vergoß sich.
Der Weise brausend, mächtig.
Siehe,
Erkannte sich im feind und küßte ihn.
Da war der Himmel los,
Und konnte sich vor Wundern nicht halten,
Und stürzte durcheinander.
Und auf die Dächer der Menschen,
Begeistert, goldig, schwebend,
Der Adlerschwarm der Gottheit
Senkte sich herab.

Vor jeder kleinen Güte
Gehn Gottes Augen über,
Und jede kleine Liebe
Rollt durch die ganze Ordnung.

Dir aber wehe,
Stampfende Zeit!
Weke dem scheußlichen Gewitter
Der eitlen Rede!
Ungerührt ist das Wesen vor deinem Anreiten,
Und den zerbrechenden Gebirgen,
Den keuchenden Straßen,
Und den Toden, tausendfach, nebenbei, ohne Wert.

Und deine Wahrheit ist
Des Drachen Gebrüll nicht.
Nicht der geschwätzigen Gemeinschaft
Vergiftetes, eitles Recht!
Deine Wahrheit allein,
Der Unsinn und sein Leid,
Der Wundrand und das ausgehende Herz,
Der Durst und die schlammige Tränke,
Gebleckte Zähne,
Und die mutige Wut
Des tükischen Ungetüms
Der arme Brief von zu Hause,
Das Durch-die-Straße-Laufen
Der Mutter, die weise,
Das alles nicht einsieht.

Nu da wir uns ließen,
Und unser Jenseits verschmissen,
und uns verschwuren,
Zu Elend, besessen von Flüchen…
Wer weiß von uns,
Wer von dem endlosen Engel,
Der weh über unsern Nächten,
Zwischen den Fingern der Hände,
Gewichtlos, unerträglich, niederfallend,
Die ungeheuren Tränen weint?!