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ADLER, Alfred


Der Sinn des Lebens

6. Der Minderwertigkeitskomplex

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Die Einordnung des Kindes in seinen ersten Umgebungskreis ist demnach sein erster schöpferischer Akt, zu dem es unter Gebrauch seiner Fähigkeiten durch sein Minderwertigkeits¬gefühl getrieben wird. Diese Einordnung, in jedem Falle verschieden, ist Bewegung, die schließlich als Form, gefrorene Bewegung von uns erfaßt wird, Lebensform, die ein Ziel der Sicherheit und Überwindung zu versprechen scheint. Die Grenzen, in denen sich diese Entwicklung abspielt, sind die allgemein menschlichen, durch den Stand der generellen und individuellen Evolution gegebenen. Aber nicht jede Lebensform nützt diesen Stand richtig aus und stellt sich deshalb mit dem Sinn der Evolution in Widerspruch. In den früheren Kapiteln habe ich gezeigt, daß die volle Entwicklung des menschlichen Körpers und Geistes am besten gewährleistet ist, wenn sich das Individuum in den Rahmen der idealen Gemeinschaft, die zu erstreben ist, einfügt als Strebender und Wirkender. Zwischen denen, die, bewußt oder ohne es zu wissen, diesem Standpunkt gerecht werden, und den vielen anderen, die ihm nicht Rechnung tragen, klafft ein unüberbrückbarer Spalt. Der Widerspruch, in dem sie stehen, erfüllt die Menschenwelt mit kleinlichen Zänkereien und mit gewaltigen Kämpfen. Die Strebenden bauen auf und tragen zur Wohlfahrt der Menschheit bei. Aber auch die Widerstrebenden sind nicht durchaus wertlos. Durch ihre Fehler und Irrtümer, die kleinere und größere Kreise schädigen, zwingen sie die anderen, stärkere Anstrengungen zu machen. So gleichen sie dem Geist, »der stets das Böse will und doch das Gute schafft«. Sie erwecken den kritischen Geist der anderen und verhelfen ihnen zu besserer Einsicht. Sie tragen zum schaffenden Minderwertigkeits¬gefühl bei.

Die Richtung zur Entwicklung des einzelnen und der Gemeinschaft ist demnach durch den Grad des Gemeinschaftsgefühls vorgeschrieben. Dadurch ist ein fester Standpunkt gewonnen zur Beurteilung von richtig und unrichtig. Es zeigt sich ein Weg, der sowohl für Erziehung und Heilung, als auch für die Beurteilung von Abwegigkeiten eine überraschende Sicherheit bietet. Das Maß, das damit zur Anwendung kommt, ist um vieles schärfer, als es je ein Experiment vorzeigen könnte. Hier macht das Leben die Testprüfungen; jede kleinste Ausdrucksbewegung kann man auf die Richtung und Distanz zur Gemeinschaft prüfen. Ein Vergleich etwa mit den landläufigen Maßen der Psychiatrie, die an den schädigenden Symptomen oder an den Schädigungen der Gemeinschaft mißt, wohl auch im Banne der aufwärts strebenden Gemeinschaft ihre Methoden zu verfeinern trachtet, zeigt die individual¬psychologische Methode durchaus im Vorteil. Im Vorteil auch deshalb, weil sie nicht verurteilt, sondern zu bessern trachtet, weil sie die Schuld vom einzelnen nimmt und sie den Mängeln unserer Kultur zuweist, an deren Mangelhaftigkeit alle anderen mitschuldig sind, und auffordert, an deren Behebung mitzuarbeiten. Daß wir heute noch an die Verstärkung des Gemeinschaftsgefühls, an das Gemeinschaftsgefühl selbst denken müssen, um es zu erobern, liegt an dem geringen bisher erreichten Grade unserer Evolution. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß künftige Geschlechter es ihrem Leben so weit inkorporiert haben werden wie wir das Atmen, den aufrechten Gang oder des Sehen der sich auf der Retina fortwährend bewegenden Lichteindrücke als ruhende Bilder.

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Schwierige Fragen im Leben, Gefahren, Nöte, Enttäuschungen, Sorgen, Verluste, besonders solche geliebter Personen, sozialer Druck aller Art, sind wohl immer im Bilde des Minderwertigkeitsgefühls zu sehen, meist in allgemein bekannten Affekten und Stimmungslagen, die wir als Angst, Kummer, Verzweiflung, Scham, Scheu, Verlegenheit, Ekel usw. kennen. Sie äußern sich im Gesichtsausdruck und in der Körperhaltung. Es ist, als ob der Tonus der Muskulatur dabei verloren ginge. Oder es tritt eine Bewegungsform zutage, die zumeist als Entfernung vom erregenden Objekt zu beobachten ist oder als Entfernung von den andauernden Fragen des Lebens. Die Denksphäre, ganz im Einklang mit dem Ziel des Entweichens, wirft dabei Rückzugsgedanken auf. Die Gefühls Sphäre, soweit wir davon Kenntnis gewinnen können, spiegelt zur Verstärkung des Rückzugs in ihrer Erregung und Erregungsform die Tatsache der Unsicherheit, der Minderwertigkeit. Das menschliche Minderwertigkeitsgefühl, das sonst im Vorwärtsstreben aufgeht, zeigt sich in den Stürmen des Lebens schon deutlicher, bei schweren Prüfungen deutlich genug. In jedem Falle verschieden im Ausdruck, stellt es, wenn man alle seine Erscheinungen dabei zusammenfaßt, den Lebensstil des einzelnen dar, der in allen Lebenslagen einheitlich zum Durchbruch kommt.

Man darf aber nicht verfehlen, auch im Versuch der Überwindung obiger Regungen, im Sichaufraffen, im Zorn, auch schon im Ekel und in der Verachtung, eine durch das Ziel der Überlegenheit erzwungene Leistung eines aktiveren Lebensstils, angespornt durch das Minderwertigkeitsgefühl, zu sehen. Während die erstere Lebensform im Festhalten an der Rückzugslinie vom gefährdenden Problem zu den Formen der Neurose, der Psychose, zu den masochistischen Haltungen führen kann, wird man, abgesehen von neurotischen Mischformen, bei der letzteren Form viel eher, entsprechend dem Lebensstil, solche von größerer Aktivität (die nicht mit Mut verwechselt werden darf, der sich nur auf der gemeinschaftsfördernden Seite des Lebens findet), Selbstmordneigung, Trunksucht, Verbrechen oder eine aktive Perversion sehen. Daß es sich dabei um Neugestaltungen des gleichen Lebensstils handelt, und nicht um jenen fiktiven Prozeß, den Freud »Regression« nennt, liegt auf der Hand. Die Ähnlichkeit dieser Lebensformen mit früheren oder auch Einzelheiten derselben darf nicht als Identität angesehen werden, und die Tatsache, daß jedes Lebewesen den Fonds seiner geistigen und körperlichen Reichweite und sonst nichts zur Verfügung hat, nicht als Rückfall in ein infantiles oder urmenschliches Stadium. Das Leben fordert die Lösung der Aufgaben der Gemeinschaft, und so deutet jedes Verhalten immer in die Zukunft, auch wenn es aus der Vergangenheit die Mittel zum Ausbau seines Verhaltens nimmt.

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Über die Tatsache des Minderwertigkeitskomplexes in allen Fällen typischer Fehlschläge war ich mir schon längst klar. Um die Lösung der hier wichtigsten Frage aber, wie aus dem Minderwertigkeitsgefühl und seinen körperlichen und seelischen Folgen beim Zusammenstoß mit einem Lebensproblem der Minderwertigkeitskomplex entsteht, habe ich lange gerungen. Meines Wissens ist diese Frage stets im Hintergrund der Betrachtungen der Autoren gestanden, geschweige denn, daß sie bis jetzt gelöst worden wäre. Mir ergab sich die Lösung wie bezüglich aller anderen Fragen im Gesichtsfeld der Individualpsychologie, wo eines aus allem und alles aus einem zu erklären war. Der Minderwertigkeitskomplex, das heißt, die dauernde Erscheinung der Folgen des Minderwertigkeitsgefühls, das Festhalten an demselben, erklärt sich aus dem größeren Mangel des Gemeinschaftsgefühls. Die gleichen Erlebnisse, die gleichen Traumen, die gleichen Situationen und die gleichen Lebensfragen, wenn es eine absolute Gleichheit in ihnen gäbe, wirken sich bei jedem anders aus. Dabei ist der Lebensstil und dessen Gehalt an Gemeinschaftsgefühl von ausschlag-gebender Bedeutung. Was in manchen Fällen irreführen und an der Richtigkeit dieser Erfahrung zweifeln machen kann, ist der Umstand, daß gelegentlich Menschen mit sichergestelltem Mangel an Gemeinschaftsgefühl (eine Feststellung, die ich nur sehr erfahrenen Untersuchern zutrauen möchte) vorübergehend wohl Erscheinungen des Minderwertigkeitsgefühls zeigen, aber keinen Minderwertigkeitskomplex. Diese Erfahrungen kann man gelegentlich bei Menschen machen, die wenig Gemeinschaftsgefühl besitzen, aber die Gunst der äußeren Umstände für sich haben. Im Falle des Minderwertigkeits¬komplexes wird man stets aus dem Vorleben des Betreffenden, aus seiner bisherigen Haltung, aus seiner Verwöhnung in der Kindheit, aus dem Vorhandensein minderwertiger Organe, aus dem Gefühl der Vernachlässigung in der Kindheit Bestätigungen finden. Man wird sich auch der anderen, weiterhin anzuführenden Mittel der Individualpsychologie bedienen, des Verständnisses für die ältesten Kindheitserinnerungen, der individual¬psychologischen Erfahrung über den Lebensstil im ganzen und dessen Beeinflussung durch die Stellung in der Kinderreihe und der individualpsychologischen Traumdeutung. Auch ist im Falle eines Minderwertigkeits¬komplexes die sexuelle Haltung und Entwicklung eines Individuums nur ein Teil des Ganzen und in den Minderwertigkeitskomplex völlig einbezogen.

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