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LENAU, Nikolaus


Nebel

Du, trüber Nebel, hüllest mir

Das Tal mit seinem Fluß,

Den Berg mit seinem Waldrevier

Und jeden Sonnengruß.

Nimm fort in deine graue Nacht

Die Erde weit und breit!

Nimm fort, was mich so traurig macht,

Auch die Vergangenheit!



Einsamkeit

Wild verwachsne dunkle Fichten,

Leise klagt die Quelle fort;

Herz, das ist der rechte Ort

Für dein schmerzliches Verzichten!


Grauer Vogel in den Zweigen!

Einsam deine Klage singt,

Und auf deine Frage bringt

Antwort nicht des Waldes Schweigen.


Wenns auch immer schweigen bliebe,

Klage, klage fort; es weht,

Der dich höret und versteht,

Stille hier der Geist der Liebe.


Nicht verloren hier im Moose,

Herz, dein heimlich Weinen geht,

Deine Liebe Gott versteht,

Deine tiefe, hoffnungslose!



Der Abend


Die Wolken waren fortgezogen,

Die Sonne strahlt' im Untergang

Und am Gebirg der Regenbogen,

Als ich von meinem Lager sprang.

Da griff ich nach dem Wanderstabe,

Sprach meinem Wirt ein herzlich Wort

Für Ruhestatt und milde Labe

Und zog in stiller Dämmrung fort.


Der schwere Abend

Die dunklen Wolken hingen

Herab so bang und schwer,

Wir beide traurig gingen

Im Garten hin und her


So heiß und stumm, so trübe

Und sternlos war die Nacht,

So ganz wie unsre Liebe

Zu Tränen nur gemacht.


Und als ich mußte scheiden

Und gute Nacht dir bot,

Wünscht ich bekümmert beiden

Im Herzen uns den Tod.


Faust – Der Tanz

……
MEPHISTOPHELES

Zu den Spielleuten.

Ihr lieben Leutchen, euer Bogen

Ist viel zu schläfrig noch gezogen!

Nach eurem Walzer mag sich drehen

Die sieche Lust auf lahmen Zehen,

Doch Jugend nicht voll Blut und Brand.

Reicht eine Geige mir zur Hand,

's wird geben gleich ein andres Klingen

Und in der Schenk ein andres Springen!

Der Spielmann dem Jäger die Fiedel reicht,

Der Jäger die Fiedel gewaltig streicht.

Bald wogen und schwinden die scherzenden Töne

Wie selig hinsterbendes Lustgestöhne,

Wie süßes Geplauder, so heimlich und sicher,

In schwülen Nächten verliebtes Gekicher.

Bald wieder ein Steigen und Fallen und Schwellen;

So schmiegen sich lüsterne Badeswellen

Um blühende nackte Mädchengestalt.

Jetzt gellend ein Schrei ins Gemurmel schallt:

Das Mädchen erschrickt, sie ruft nach Hilfe,

Der Bursche, der feurige, springt aus dem Schilfe.

Da hassen sich, fassen sich mächtig die Klänge

Und kämpfen verschlungen im wirren Gedränge.

Die badende Jungfrau, die lange gerungen,

Wird endlich vom Mann zur Umarmung gezwungen.

Dort fleht ein Buhle, das Weib hat Erbarmen,

Man hört sie von seinen Küssen erwarmen.

Jetzt klingen im Dreigriff die lustigen Saiten,

Wie wenn um ein Mädel zwei Buben sich streiten;

Der eine, besiegte, verstummt allmählig,

Die liebenden Beiden umklammern sich selig,

Im Doppelgetön die verschmolzenen Stimmen

Aufrasend die Leiter der Lust erklimmen.

Und feuriger, brausender, stürmischer immer,

Wie Männergejauchze, Jungferngewimmer,

Erschallen der Geige verführende Weisen,

Und alle verschlingt ein bacchantisches Kreisen.

Wie närrisch die Geiger des Dorfs sich gebärden!

Sie werfen ja sämtlich die Fiedel zur Erden.

Der zauberergriffene Wirbel bewegt,

Was irgend die Schenke Lebendiges hegt.

Mit bleichem Neide die dröhnenden Mauern,

Daß sie nicht mittanzen können, bedauern.

Vor allen aber der selige Faust

Mit seiner Brünette den Tanz hinbraust;

Er drückt ihr die Händchen, er stammelt Schwüre

Und tanzt sie hinaus durch die offene Türe.

Sie tanzen durch Flur und Gartengänge,

Und hinterher jagen die Geigenklänge;

Sie tanzen taumelnd hinaus zum Wald,

Und leiser und leiser die Geige verhallt.

Die schwingenden Töne durchsäuseln die Bäume,

Wie lüsterne, schmeichelnde Liebesträume.

Da hebt den flötenden Wonneschall

Aus duftigen Büschen die Nachtigall,

Die heißer die Lust der Trunkenen schwellt,

Als wäre der Sänger vom Teufel bestellt.

Da zieht sie nieder die Sehnsucht schwer,

Und brausend verschlingt sie das Wonnemeer.
…..


Die Albigenser
…..
„Wer ist der Grund der Welt? kannst du die Frage lösen?

»Die Geister sind von Gott; die Körper sind vom Bösen.«[...]

Bekenne noch, eh wir die Weih' an dir vollenden,

Wie du die Kirche siehst und ihre Gnadenspenden?

»Der Kirche sey der Geist entgegen und zuwider,

Sie läutet ihm zu Grab und singt ihm Sterbelieder.

Der Kirche Abendmahl ist nur gebacken Brod,

Die letzte Ölung kann nichts ändern an dem Tod.[...]

Die freie Forschung ist's, wozu wir uns bekennen.

Wir lassen uns den Geist nicht hemmen mehr und knechten;

Es gilt, das höchste Recht auf Erden zu verfechten

Auf! wecken wir vom Tod die heilige Geschichte,

Die erst lebendig wird im Geist und seinem Lichte;

Mit dieser Leuchte soll der Mensch den wunderbaren

Und heilig tiefen Schacht, des Heilands Herz, befahren.

Der volle Christus ist erschienen nicht auf Erden,

Sein göttlich Menschenbild muß noch vollendet werden.“
…..