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KLABUND


Die letzte Kornblume


Sie ging, den Weg zu kürzen, übers Feld.

Es war gemäht. Die Ähren eingefahren.

Die braunen Stoppeln stachen in die Luft,

Als hätte sich der Erdgott schlecht rasiert.

Sie ging und ging. Und plötzlich traf sie

Auf die letzte blaue Blume dieses Sommers.

Sie sah die Blume an. Die Blume sie. Und beide dachten

(Sofern die Menschen denken können, dachte die Blume...)

Dachten ganz das gleiche:

Du bist die letzte Blüte dieses Sommers,

Du blühst, von lauter totem Gras umgeben.

Dich hat der Sensenmann verschont,

Damit ein letzter lauer Blütenduft

Über die abgestorbene Erde wehe —

Sie bückte sich. Und brach die blaue Blume.

Sie rupfte alle Blütenblätter einzeln:

Er liebt mich – liebt mich nicht – er liebt mich... nicht. —

Die blauen Blütenfetzen flatterten

Wie Himmelsfetzen über braune Stoppeln.

Ihr Auge glänzte feucht – vom Abendtau,

Der kühl und silbern auf die Felder fiel

Wie aus des Mondes Silberhorn geschüttet.



Liebeslied

Dein Mund, der schön geschweifte,

Dein Lächeln, das mich streifte,

Dein Blick, der mich umarmte,

Dein Schoß, der mich erwarmte,

Dein Arm, der mich umschlungen,

Dein Wort, das mich umsungen,

Dein Haar, darein ich tauchte,

Dein Atem, der mich hauchte,

Dein Herz, das wilde Fohlen,

Die Seele unverhohlen,

Die Füße, welche liefen,

Als meine Lippen riefen –:

Gehört wohl mir, ist alles meins,

Wüßt' nicht, was mir das Liebste wär',

Und gäb nicht Höll' noch Himmel her:

Eines und alles, all und eins.



Gott hat uns leicht und schwer gemacht


Gott hat uns leicht und schwer gemacht.

Du hast geweint. Ich hab gelacht.

Du hast gelacht. Ich hab geweint.

So Sonn und Mond am Himmel scheint.


Hingen Wang an Wangen,

hingen Blick an Blick.

Viele Frauen sind mit mir gegangen,

und nur eine sah zurück.


Viele haben schön bei mir geschlafen,

und nur eine ist erwacht.

Mein zerzaustes Segel fand den Hafen,

und mein Tag fand seine Nacht.



Was ich dir hier singe


Was ich dir hier singe,

Ist nur für dich gemacht.

Die violette Syringe,

Der Mond und das Ding der der Dinge

Ist nur für dich gemacht.


Die heimliche Lust der Lüste

Ist nur für dich gemacht,

O gib mir deine Brüste.

Ebbe und Flut unsrer Küste

Sind nur für dich gemacht.


Das breite Bett, ich dächte

Es ist für dich gemacht.

Komm, löse deine Flechte,

Denn diese Nacht der Nächte,

Sie ist für uns gemacht.