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WOLF, Christa

Kein Ort. Nirgends

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Sie muß ihm ja nicht erzählen, daß es ausgerechnet Merten war, der ihr das Drama gegeben hat, enttäuscht übrigens, da er sich nach dem Titel, „Die Familie Schroffenstein“, eins der üblichen Ritterstücke erhofft hatte; und daß sie es las, weil von Mainz herüber merkwürdige Gerüchte über den jungen Menschen kamen, der in desolater Verfassung den Winter über bei Hofrat Wedekind untergekrochen war. Diesem Kindergesicht allerdings traut man die Seelenstürme, auch die wilden Verbrechen nicht zu, von denen sein Drama strotzt. Er ist ja noch sehr jung.

Sie muß lächeln; sie selbst ist jünger als er.

Jetzt steht die Sonne in gleicher Höhe mit den vier Fenstern, die alle nach Südwesten hin offen sind. Eine Luft weht herein, so leicht, daß die Günderrode sie fast nicht atmen kann. Manchmal, wenn sie luftknapp auf ihrem Bette liegt, denkt sie, sie brauche doppelt soviel Luft wie andere Menschen, als verwende ihr Körper einen Vorrat für heimliche Zwecke.

Eine Wanduhr schlägt dreimal, fein und spröde wie ein Spinett. Kein Grund, auf einmal derart trostlos zu sein. Eine halbe Stunde ist sie hier, und schon möchte sie fort, fühlt die Kälte aufsteigen, die diesem Zwang gewöhnlich folgt. Den Clemens will sie los sein, er ist ihr lästig. Er fühlt nicht, worüber er zu schweigen hätte, und sie, durch eine alte Rücksicht gegen ihn befangen, unfähig, an jenen Vorfall vor drei Jahren zu rühren, muß ihn gewähren lassen. Sie spürt ihre Gesichtshaut sich spannen, um undurchlässig gegen seine Blicke zu sein, die ihr Mund, Stirn, Wangen abtasten.

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