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BENN, Gottfried


Ein Wort

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.
 
Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.


Morgue

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muss ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Bauchhöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!
…..
Wir thronen hoch auf kahlen Katafalken,
mit schwarzen Lappen garstig überdeckt.
Der Mörtel fällt. Und aus der Decke Balken
auf uns ein Christus große Hände streckt.

Vorbei ist unsere Zeit. Es ist vollbracht.
Wir sind herunter. Seht, wir sind nun tot.
In weißen Augen wohnt uns schon die Nacht,
wir schauen nimmermehr ein Morgenrot.
…..
Dann lag auf Kissen dunklen Bluts gebettet
der blonde Nacken einer weißen Frau.
Die Sonne wütete in ihrem Haar
und leckte ihr die hellen Schenkel lang
und kniete um die bräunlicheren Brüste,
noch unentstellt durch Laster und Geburt.
.....
Sie aber lag und schlief wie eine Braut:
Am Saume ihres Glücks der ersten Liebe
und wie vorm Aufbruch vieler Himmelfahrten
des jungen warmen Blutes.
Bis man ihr
das Messer in die weiße Kehle senkte
und einen Purpurschurz aus totem Blut
ihr um die Hüften warf.
…..


Schöne Jugend

Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löchrig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die andern lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!
…..


Verlorenes Ich

Verlorenes Ich, zersprengt von Stratosphären,

Opfer des Ion −: Gamma-Strahlen-Lamm −,

Teilchen und Feld −: Unendlichkeitschimären

auf deinem grauen Stein von Notre-Dame.

Die Tage gehn dir ohne Nacht und Morgen,

die Jahre halten ohne Schnee und Frucht

bedrohend das Unendliche verborgen −,

die Welt als Flucht.

Wo endest du, wo lagerst du, wo breiten

sich deine Sphären an −, Verlust, Gewinn −:

ein Spiel von Bestien: Ewigkeiten,

an ihren Gittern fliehst du hin.

Der Bestienblick: die Sterne als Kaldaunen,

der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,

Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen

hinab den Bestienschlund.

Die Welt zerdacht. Und Raum und Zeiten

und was die Menschheit wob und wog,

Funktion nur von Unendlichkeiten −,

die Mythe log.

Woher, wohin – nicht Nacht, nicht Morgen,

kein Evoë, kein Requiem,

du möchtest dir ein Stichwort borgen −,

allein bei wem?

Ach, als sich alle einer Mitte neigten

und auch die Denker nur den Gott gedacht,

sie sich den Hirten und dem Lamm verzweigten,

wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht,

und alle rannen aus der einen Wunde,

brachen das Brot, das jeglicher genoß −

o ferne zwingende erfüllte Stunde,

die einst auch das verlorne Ich umschloß.