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MOERIKE, Eduard


Denk es, o Seele!

Ein Taennlein gruenet wo,
Wer weiss, im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Roesslein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Spruengen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!


Der Gärtner

Auf ihrem Leibrößlein,

So weiß wie der Schnee,

Die schönste Prinzessin

Reit't durch die Allee.

Der Weg, den das Rößlein

Hintanzet so hold,

Der Sand, den ich streute,

Er blinket wie Gold.

Du rosenfarbs Hütlein,

Wohl auf und wohl ab,

O wirf eine Feder

Verstohlen herab!

Und willst du dagegen

Eine Blüte von mir,

Nimm tausend für eine,

Nimm alle dafür!


Gebet

Herr! schicke, was du willt,

Ein Liebes oder Leides;

Ich bin vergnügt, daß Beides

Aus Deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden

Und wollest mit Leiden

Mich nicht überschütten!

Doch in der Mitten

Liegt holdes Bescheiden.


Lebe wohl! – du fühlest nicht

Lebe wohl! – du fühlest nicht,
was es heißt, dies Wort der Schmerzen,
mit getrostem Angesicht
sagest du's und leich tem Herzen.
Lebe wohl! – Ach, tausendmal
hab' ich es mir vorgesprochen
und, in nimmersatter Qual,
mir das Herz damit zerbrochen!



Er ist's

Frühling läßt sein blaues Band
W ieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!



Sehnsucht

In dieser Winterfruehe
Wie ist mir doch zumut!
O Morgenrot, ich gluehe
Von deinem Jugendblut.

Es glueht der alte Felsen,
Und Wald und Burg zumal,
Berauschte Nebel waelzen
Sich jaeh hinab das Tal.

Mit tatenfroher Eile
Erhebt sich Geist und Sinn,
Und fluegelt goldne Pfeile
Durch alle Ferne hin.

Auf Zinnen moecht ich springen,
In alter Fuersten Schloss,
Moecht hohe Lieder singen,
Mich schwingen auf das Ross!

Und stolzen Siegeswagen
Stuerzt ich mich brausend nach,
Die Harfe wird zerschlagen,
Die nur von Liebe sprach.

- Wie? schwaermst du so vermessen,
Herz, hast du nicht bedacht,
Hast du mit eins vergessen,
Was dich so trunken macht?

Ach, wohl! was aus mir singet,
Ist nur der Liebe Glueck!
Die wirren Toene schlinget
Sie sanft in sich zurueck.

Was hilft, was hilft mein Sehnen?
Geliebte, waerst du hier!
In tausend Freudetraenen
Verging’ die Erde mir.


Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
noch träumen Wald und Wiesen;
bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
den blauen Himmel unverstellt,
herbstkräftig die gedämpfte Welt
in warmem Golde fließen


In der Frühe

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,

dort gehe schon der Tag herfür

an meinem Kammerfenster.

Es wühlet mein verstörter Sinn

noch zwischen Zweifeln her und hin

und schaffet Nachtgespenster.

- Ängste, quäle

dich nicht länger, meine Seele!

Freu dich! Schon sind da und dorten

Morgenglocken wach geworden.


Nimmersatte Liebe

So ist die Lieb'! So ist die Lieb'!

Mit Küßen nicht zu stillen :

Wer ist der Tor und will ein Sieb

Mit eitel Wasser füllen?

Und schöpfst du an die tausend Jahr;

Und küßest ewig, ewig gar,

Du tust ihr nie zu Willen.

Die Lieb', die Lieb' hat alle Stund'

Neu wunderlich Gelüsten;

Wir bißen uns die Lippen wund,

Da wir uns heute küßten.

Das Mädchen hielt in guter Ruh',

Wie's Lämmlein unter'm Messer;

Ihr Auge bat: nur immer zu,

Je weher, desto beßer!

So ist die Lieb', und war auch so,

Wie lang es Liebe giebt,

Und anders war Herr Salomo,

Der Weise, nicht geliebt


Das verlassene Mägdlein

Früh, wann die Hähne krähn,
Eh' die Sternlein verschwinden,
Muß ich am Herde stehn,
Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flammen Schein,
Es springen die Funken;
Ich schaue so drein,
In Leid versunken.

Plötzlich, da kommt es mir,
Treuloser Knabe,
Daß ich die Nacht von dir
Geträumet habe.

Träne auf Träne dann
Stürzet hernieder;
So kommt der Tag heran –
O ging' er wieder!



Verborgenheit

Lass, o Welt, o lass mich sein!

Locket nicht mit Liebesgaben,

Lasst dies Herz alleine haben

Seine Wonne, seine Pein!


Was ich traure, weiss ich nicht,

Es ist unbekanntes Wehe;

Immerdar durch Traenen sehe

Ich der Sonne liebes Licht.


Oft bin ich mir kaum bewusst,

Und die helle Freude zuecket

Durch die Schwere, so mich druecket

Wonniglich in meiner Brust.


Lass, o Welt, o lass mich sein!

Locket nicht mit Liebesgaben,

Lasst dies Herz alleine haben

Seine Wonne, seine Pein!