Test
Download document

LASKER-SCHUELER, Else


Ich weiss

Ich weiß, daß ich bald sterben muß
Es leuchten doch alle Bäume
Nach langersehntem Julikuß –

Fahl werden meine Träume –
Nie dichtete ich einen trüberen Schluß
In den Büchern meiner Reime.

Eine Blume brichst du mir zum Gruß –
Ich liebte sie schon im Keime.
Doch ich weiß, daß ich bald sterben muß.

Mein Odem schwebt über Gottes Fluß –
Ich setze leise meinen Fuß
Auf den Pfad zum ewigen Heime.


Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,

Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,

Mit den Zugvögeln fort;

Bunt atmen mit den Winden

In der großem Luft.

O ich bin traurig . . .

Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel samtne Andacht

Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinen steinernen Herzen

Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen

Hoch von blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher

Will wieder jubeln,

Und ich möchte auffliegen


Orgie

Der Abend küsste geheimnisvoll

Die knospenden Oleander.

Wir spielten und bauten Tempel Apoll

Und taumelten sehnsuchtsvoll

Ineinander.

Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft

In die schwellenden Wellen der brütenden Luft,

Und Jahrhunderte sanken

Und reckten sich

Und reihten sich wieder golden empor

Zu sternenverschmiedeten Ranken.

Wir spielten mit dem glücklichsten Glück,

Mit den Früchten des Paradiesmai,

Und im wilden Gold Deines wirren Haars

Sang meine tiefe Sehnsucht

Geschrei,

Wie ein schwarzer Urwaldvogel.

Und junge Himmel fielen herab,

Unersehnbare, wildsüsse Düfte;

Wir rissen uns die Hüllen ab

Und schrieen!

Berauscht vom Most der Lüfte.

Ich knüpfte mich an Dein Leben an,

Bis dass es ganz in ihm zerrann,

Und immer wieder Gestalt nahm

Und immer wieder zerrann.

Und unsere Liebe jauchzte Gesang,

Zwei wilde Symphonieen!


Es kommt der Abend

Es kommt der Abend und ich tauche in die Sterne,

Dass ich den Weg zur Heimat im Gemüte nicht verlerne

Umflorte sich auch längst mein armes Land.

Es ruhen unsere Herzen liebverwandt,

Gepaart in einer Schale:

Weisse Mandelkerne –

Ich weiss, du hältst wie früher meine Hand

Verwunschen in der Ewigkeit der Ferne ...

Ach meine Seele rauschte, als dein Mund es mir gestand.


Abschied

Aber du kamst nie mit dem Abend –

ich saß im Sternenmantel.

Wenn es an mein Haus pochte,

war es mein eigenes Herz.

Das hängt nun an jedem Türpfosten,

auch an deiner Tür;

zwischen Farren verlöschende Feuerrose

im Braun der Guirlande.

Ich färbte dir den Himmel brombeer

mit meinem Herzblut.

Aber du kamst nie mit dem Abend –

Ich stand in goldenen Schuhen.