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PLATEN, August Graf von


Der Strom

Der Strom, der neben mir verrauschte, wo ist er nun?

Der Vogel, dessen Lied ich lauschte, wo ist er nun?

Wo ist die Rose, die die Freundin am Herzen trug,

Und jener Kuß, der mich berauschte, wo ist er nun?

Und jener Mensch, der ich gewesen, und den ich längst

Mit einem andern Ich vertauschte, wo ist er nun?


Winterlied


Geduld, du kleine Knospe
Im lieben stillen Wald,
Es ist noch viel zu frostig,
Es ist noch viel zu bald.

Noch geh ich dich vorüber,
Doch merk ich mir den Platz,
Und kommt heran der Frühling,
So hol ich dich, mein Schatz.


Wer wußte je das Leben recht zu fassen

Wer wußte je das Leben recht zu fassen,

Wer hat die Hälfte nicht davon verloren

Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren,

In Liebesqual, im leeren Zeitverprassen?

Ja, der sogar, der ruhig und gelassen,

Mit dem Bewußtsein, was er soll, geboren,

Frühzeitig einen Lebensgang erkoren,

Muß vor des Lebens Widerspruch erblassen.

Denn jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache,

Allein das Glück, wenn's wirklich kommt, ertragen,

Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.

Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen:

Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache,

Und auch der Läufer wird es nicht erjagen.


Sieh, du schwebst im Reigentanze; doch den Sinn erkennst du nicht

Sieh, du schwebst im Reigentanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Dich beglückt des Dichters Stanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Du beschaust die Form des Leibes, undurchschaulich abgestrahlt

Von des Marmors frischem Glanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Als Granate blinkt die Sonne golden dir, die goldne Frucht,

Und der Mond als Pomeranze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Ihr Geblüt, das heilig dunkle, das in Trunkenheit dich wiegt,

Bietet dir die Rebenpflanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Sieh, die Palme prangt als Kragen um des ird'schen Rockes Rand,

Sieh, die Fichte hangt als Franze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Sterngezelte, Blütenharnisch, blendet und erfreut den Blick,

Taleslager, Bergesschanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Bebend in der Mutter Busen, der gesäugt den ew'gen Sohn,

Siehest du des Schmerzes Lanze; doch den Sinn erkennst du nicht.