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STADLER, Ernst


Anrede

Ich bin nur Flamme, Durst und Schrei und Brand.

Durch meiner Seele enge Mulden schießt die Zeit

Wie dunkles Wasser, heftig, rasch und unerkannt.

Auf meinem Leibe brennt das Mal: Vergänglichkeit.

Du aber bist der Spiegel, über dessen Rund

Die großen Bäche alles Lebens geh'n,

Und hinter dessen quellend gold'nem Grund

Die toten Dinge schimmernd aufersteh'n.

Mein Bestes glüht und lischt – ein irrer Stern,

Der in den Abgrund blauer Sommernächte fällt –

Doch deiner Tage Bild ist hoch und fern,

Ewiges Zeichen, schützend um dein Schicksal hergestellt .


Der Aufbruch

Einmal schon haben Fanfaren mein ungeduldiges Herz blutig gerissen,

Dass es, aufsteigend wie ein Pferd, sich wütend ins Gezäum verbissen.

Damals schlug Tamburmarsch den Sturm auf allen Wegen,

Und herrlichste Musik der Erde hieß uns Kugelregen.

Dann, plötzlich, stand Leben stille. Wege führten zwischen alten Bäumen.

Gemächer lockten. Es war süß, zu weilen und sich versäumen,

Von Wirklichkeit den Leib sowie von staubiger Rüstung zu entketten,

Wollüstig sich in Daunen weicher Traumstunden einzubetten.

Aber eines Morgens rollte durch Nebelluft das Echo von Signalen,

Hart, scharf, wie Schwerthieb pfeifend. Es war, wie wenn im Dunkel plötzlich Lichter aufstrahlen.

Es war, wie wenn durch Biwakfrühe Trompetenstöße klirren,

Die Schlafenden aufspringen und die Zelte abschlagen und die Pferde schirren.

Ich war in Reihen eingeschient, die in den Morgen stießen, Feuer über Helm und Bügel,

Vorwärts, in Blick und Blut die Schlacht, mit vorgehaltnem Zügel.

Vielleicht würden uns am Abend Siegesmärsche umstreichen,

Vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt unter Leichen.

Aber vor dem Erraffen und vor dem Versinken

Würden unsre Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken.



Irrenhaus («‘t Zothuis», n.v.d.r.).

Fort Jaco, Ukkel

Hier ist Leben, das nichts mehr von sich weiß -

Bewußtsein tausend Klafter tief ins All gesunken.

Hier tönt durch kahle Säle der Choral des Nichts.

Hier ist Beschwichtigung, Zuflucht, Heimkehr, Kinderstube.

Hier droht nichts Menschliches. Die stieren Augen,

Die verstört und aufgeschreckt im Leeren hangen,

Zittern nur vor Schrecken, denen sie entronnen.

Doch manchen klebt noch Irdisches an unvollkomm'nen Leibern.

Sie wollen Tag nicht lassen, der entschwindet.

Sie werfen sich in Krämpfen, schreien gellend in den Bädern

Und hocken wimmernd und geschlagen in den Ecken.

Vielen aber ist Himmel aufgetan.

Sie hören die toten Stimmen aller Dinge sie umkreisen

Und die schwebende Musik des Alls.

Sie reden manchmal fremde Worte, die man nicht versteht.

Sie lächeln still und freundlich so wie Kinder tun.

In den entrückten Augen, die nichts Körperliches halten, weilt das Glück.



Mittag

Der Sommermittag lastet auf den weißen

Terrassen und den schlanken Marmortreppen ·

die Gitter und die goldnen Kuppeln gleißen ·

leis knirscht der Kies. Vom müden Garten schleppen


sich Rosendüfte her · wo längs der Hecken

der schlaffe Wind erschlief in roten Matten ·

und geisternd strahlen zwischen Laubverstecken

die Götterbilder über laue Schatten.


Die Efeulauben flimmern. Schwäne wiegen

und spiegeln sich in grundlos grünen Weihern ·

und große fremde Sonnenfalter fliegen

traumhaft und schillernd zwischen Düfteschleiern.