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HOCHHUT, Rolf

Der Stellvertreter Ein christliches Trauerspiel
(Szenenauszug)


Pater Riccardo Fontana, Mitarbeiter des Vatikanischen Staatssekretariats, kommt von einer Dienstreise aus Berlin zurück. Betroffen von den persönlichen Eindrücken gab er einem deutschen Offizier sein Versprechen, dass der Papst gegen die Massenvernichtung von Menschen protestieren wird. In Rom trifft er seinen Vater Graf Fontana, Syndikus* beim Heiligen Stuhl.


[...]
FONTANA: Reden wir realistisch. Ich frage dich als Mitarbeiter des
Staatsekretariats: Wie könnte der Papst, ohne seine Neutralitätspolitik zu
revidieren, Hitler zwingen, die Juden nicht zu deportieren?
RICCARDO: Indem er die Tatsache ausnutzt, daß Hitler seinen Einfluß
fürchtet. Hitler hat nicht aus Frömmigkeit für die Dauer seines Krieges
alle Maßnahmen gegen die Kirche untersagt.
FONTANA: Das kann sich täglich ändern. Wie viele Priester hat er schon
umgebracht!
RICCARDO (sehr leidenschaftlich): Ja! – und trotzdem kündigt Rom ihm
nicht die Freundschaft! Warum? Weil Rom sich gar nicht angegriffen
fühlt? So ist es doch: der Papst sieht weg, wenn man in Deutschland
seinen Bruder totschlägt. Priester, die sich dort opfern, handeln nicht auf
Geheiß des Vatikans – sie verstoßen eher gegen sein Prinzip der Nicht-
einmischung. Da sie von Rom verlassen sind, so wird ihr Tod auch nicht
als Sühne für die Schuld Roms verrechnet werden. Solange Rom erlaubt,
daß seine Priester noch für Hitler beten ... noch beten für diesen Mann! –
solange ...
FONTANA: Bitte, bleib sachlich: Warum unterschlägst du die Proteste des
Bischofs von Münster!
RICCARDO: O Vater, Galens Beispiel gibt mir ja recht! Er protestierte
Mitten in Deutschland gegen die Mörder – im Sommer einundvierzig,
Hitlers Ruhm stand im Zenit, und siehe da: man ließ ihm volle Rede-
freiheit. Nicht eine Stunde war er in Haft! Und sein Protest bewirkte, daß
die Kranken nicht mehr ermordet werden. Nur ein Bischof mußte sich
erheben – und Hitler schreckte schon zurück. Warum? – Weil er den Papst
fürchtete, den Papst, der Galens Reden nicht einmal unterstützt hat!
[...]
Und meine Frage: Warum ist Galen nicht auch für die Juden eingetreten?
Weil die Geisteskranken getauft sind? Eine entsetzliche Frage, Vater,
geben wir das zu.
FONTANA: Riccardo! – Richte nicht. Du wagst es, einem Bischof vor-
zuwerfen, daß er für Juden nicht ebenso sein Leben einsetzt wie für
Christen? Weißt du, Riccardo, was dazu gehört, sein Leben einzusetzen?
Ich habe es im Krieg erfahren.
RICCARDO: Ich bewundere Galen, ich verehre ihn. Nur, Vater, wir in
Rom, im Vatikan, der unangreifbar ist, wir dürfen uns mit Galens Ein-
satz nicht begnügen, während in Polen ...
FONTANA (abwehrend): Junge, dein Hochmut befremdet mich: Der Papst
in täglicher Auseinandersetzung mit der Welt, mit Gott – weiß, was er tut.
Er weiß, warum er schweigen muß. Er wird nicht immer schweigen.
Hitlers Kriegsglück wendet sich. Die Zeit arbeitet für Großbritannien.
Wenn erst die Staatsräson dem Papst erlaubt, sich gegen Hitler zu
erheben, ohne die Kirche zu gefährden, so wird ...
RICCARDO: So wird kein Jude in Polen und Deutschland und Frankreich
und Holland mehr am Leben sein! Begreift doch endlich: es geht um jeden Tag!
Ich gab mein Wort, ich garantierte diesem Offizier ...
FONTANA (außer sich): Warum hast du das auch getan!
RICCARDO (aufbrausend, er verliert jedes Maß): Weil – ich nicht so
zynisch war, bei dieser Nachricht noch von Staatsräson zu sprechen.
FONTANA: Wie du vereinfachst – Herrgott, glaubst du denn, der Papst
könnte nur einen Menschen hungern und leiden sehen. Sein Herz ist
bei den Opfern.
RICCARDO: Und seine Stimme? Wo ist seine Stimme! Sein Herz, Vater –
ist völlig uninteressant. Auch Himmler, Hitlers Polizeichef, könne den
Anblick seiner Opfer nicht ertragen, ist mir versichert worden. Das läuft
seinen Weg durch die Büros, der Papst sieht die Opfer nicht, der Hitler
sieht sie nicht ...
FONTANA (geht drohend auf Riccardo zu): Bitte –
ich breche das Gespräch sofort ab, wenn du Pius XII. und Hitler in einem Atemzuge nennst.
RICCARDO (verächtlich): Das passiert Verbündeten so, Vater –
Paktieren sie nicht miteinander? Der elfte Pius hätte längst das
Konkordat gekündigt.

FONTANA: Das zu entscheiden ist nicht deine Sache …
RICCARDO (nach einer Pause, leise, fast tückisch): Vater? – Glaubst du,
der Papst – bist du ganz sicher, daß der Papst sich überhaupt in dem
Konflikt befindet: Staatsräson – Nächstenliebe?
FONTANA: Wie meinst du das, Riccardo?
RICCARDO (muß sich überwinden): Ich meine – er steht ja sehr hoch
über den Geschicken der Welt, der Menschen. Seit vierzig Jahren ist er
nur Diplomat, Jurist. Nie war er – oder nur zwei Jahre, im vorigen Jahr-
hundert schon, als Seelsorger, als Priester unter Menschen. Nie gönnt er
einem Schweizer vor seiner Tür ein Wort. Weder im Garten noch bei
Tisch kann er das Gesicht eines Mitmenschen ertragen … befohlen ist
dem Gärtner, ihm stets den Rücken zuzukehren! O Vater – liebt er
überhaupt irgend etwas außer seinen Wörterbüchern und dem Madonnen-
kult? (Plötzlich voller Haß, mit sprühendem römischem Spott.)
Ich sehe ihn, wie er mit letzter Präzision den Federhalter putzt – und
dieses Ritual auch noch erläutert – und frage mich – ach, frage schon
nicht mehr, ob er jemals in einem einzigen Opfer Hitlers den Bruder
sehen konnte, seinesgleichen.
FONTANA: Riccardo, bitte – das ist unfair, das ist schon demagogisch.
Bei aller Kälte bleibt er doch bemüht zu helfen, zu verstehen, und
wenn er noch so egozentrisch ist, die Opfer …
RICCARDO: Die Opfer – hat er wirklich vor Augen, glaubst du das?
Die Weltpresse, die Botschafter, die Agenten – sie bringen grauenvolle
Einzelheiten. Du glaubst, daß er nicht nur Statistiken studiert, abstrakte
Zahlen, siebenhunderttausend Tote – Hunger, Vergasungen,
Deportationen … Sondern daß er dabei ist, daß er einmal zusah, den
Blick nach innen gerichtet – zugesehen hat: der Abtransport aus Paris,
dreihundert Selbstmorde schon, bevor die Fahrt beginnt. Kinder unter
fünf Jahren reißt man den Eltern weg – und dann Konin bei Warschau:
elftausend Polen in fahrbaren Vergasungskammern, ihre Schreie, ihr
Beten – und das Gelächter der SS-Banditen. Elftausend – aber stell
dir vor, du, ich – wir wären es.
FONTANA: Riccardo, bitte – ich weiß, du quälst dich …
RICCARDO (ultimativ): Meine Frage! – Vater, bitte antworte auf diese
Frage: Der Papst – vergegenwärtigt er sich solche Szenen?
FONTANA (unsicher): Sicher, sicherlich. Doch was hängt davon ab?
Er darf ja doch nicht dem Gefühl gehorchen!

RICCARDO (außer sich): Vater! – was du da sagst, das kann nicht sein –
das kannst du doch nicht sagen. Begreift ihr denn hier nicht! –
du, Vater, du mußt doch begreifen … (Das Läuten verstummt. Es wird
ganz ruhig. Schweigen. Dann sagt Riccardo, aufs höchste erregt und
doch jedes Wort betonend, erst sehr leise, dann sich steigernd:)
Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt,
aus Staatsräson, der sich nur einen Tag besinnt, nur eine Stunde zögert,
die Stimme seines Schmerzes zu erheben zu einem Fluch, der noch den
letzten Menschen dieser Erde erschauern läßt – : ein solcher Papst ist …
ein Verbrecher. (Riccardo sinkt in einen Sessel und wird von einem
Weinkrampf befallen. Fontana tritt nach einigem Zögern auf ihn zu.
Seine Empörung, die zunächst Sprachlosigkeit war, wird gemildert
durch den Anblick seines »verlorenen« Sohnes.)


[…]