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NOVALIS


Geistliche Lieder VI.

Wenn alle untreu werden,

So bleib ich dir doch treu;

Daß Dankbarkeit auf Erden

Nicht ausgestorben sei.

Für mich umfing dich Leiden,

Vergingst für mich in Schmerz;

Drum geb ich dir mit Freuden

Auf ewig dieses Herz.

Oft muß ich bitter weinen,

Daß du gestorben bist,

Und mancher von den Deinen

Dich lebenslang vergißt.

Von Liebe nur durchdrungen

Hast du so viel getan,

Und doch bist du verklungen,

Und keiner denkt daran.

Du stehst voll treuer Liebe

Noch immer jedem bei;

Und wenn dir keiner bliebe,

So bleibst du dennoch treu;

Die treuste Liebe sieget,

Am Ende fühlt man sie,

Weint bitterlich und schmieget

Sich kindlich an dein Knie.

Ich habe dich empfunden,

O! lasse nicht von mir;

Laß innig mich verbunden

Auf ewig sein mit dir.

Einst schauen meine Brüder

Auch wieder himmelwärts,

Und sinken liebend nieder,

Und fallen dir ans Herz.


Wenn in bangen, trüben Stunden

Wenn in bangen, trüben Stunden
Unser Herz beinah' verzagt,
Wenn, von Krankheit überwunden,
Angst in unserm Innern nagt,
Wir der Treugeliebten denken,
Wie sie Gram und Kummer drückt,
Wolken unsern Blick beschränken,
Die kein Hoffnungsstrahl durchblickt:

O! dann neigt sich Gott herüber,
Seine Liebe kommt uns nah':
Sehnen wir uns dann hinüber,
Steht sein Engel vor uns da,
Bringt den Kelch des frischen Lebens,
Lispelt Mut und Trost uns zu,
Und wir beten nicht vergebens
Auch für der Geliebten Ruh'.


Hinüber wall ich

Hinüber wall ich,
Und jede Pein
Wird einst ein Stachel
Der Wollust seyn.
Noch wenig Zeiten,
So bin ich los,
Und liege trunken
Der Lieb' im Schooß.
Unendliches Leben
Wogt mächtig in mir
Ich schaue von oben
Herunter nach dir.
An jenem Hügel
Verlischt dein Glanz -

Ein Schatten bringet
Den kühlenden Kranz.
O! sauge, Geliebter,
Gewaltig mich an,
Daß ich entschlummern
Und lieben kann.
Ich fühle des Todes
Verjüngende Flut,
Zu Balsam und Aether
Verwandelt mein Blut -
Ich lebe bei Tage
Voll Glauben und Muth
Und sterbe die Nächte
In heiliger Glut.


Bangnis

Im welken Walde ist ein Vogelruf,
der sinnlos scheint in diesem welken Walde.
Und dennoch ruht der runde Vogelruf
in dieser Weile, die ihn schuf,
breit wie ein Himmel auf dem welken Walde.
Gefügig räumt sich alles in den Schrei:
Das ganze Land scheint lautlos drin zu liegen,
der große Wind scheint sich hineinzuschmiegen,
und die Minute, welche weiter will,
ist bleich und still, als ob sie Dinge wüsste,
an denen jeder sterben müsste,
aus ihm herausgestiegen.


Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen

Wenn die, so singen oder küssen,

Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freye Leben

Und in die Welt wird zurück begeben,

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten

Zu ächter Klarheit werden gatten,

Und man in Mährchen und Gedichten

Erkennt die wahren Weltgeschichten,

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.


An Adolph Selmnitz

Was paßt, das muß sich ründen,

Was sich versteht, sich finden,

Was gut ist, sich verbinden,

Was liebt, zusammensein.

Was hindert, muß entweichen,

Was krumm ist, muß sich gleichen,

Was fern ist, sich erreichen,

Was keimt, das muß gedeihn.

Gib traulich mir die Hände,

Sei Bruder mir und wende

Den Blick vor Deinem Ende

Nicht wieder weg von mir.

Ein Tempel – wo wir knieen –

Ein Ort – wohin wir ziehen

Ein Glück – für das wir glühen

Ein Himmel – mir und dir.