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RÜCKERT, Friedrich


Der Adler fliegt allein,

der Rabe scharenweise;

Gesellschaft braucht der Tor,

und Einsamkeit der Weise.


Ein Obdach gegen Sturm und Regen


Ein Obdach gegen Sturm und Regen

Der Winterzeit

Sucht’ ich, und fand den Himmelssegen

Der Ewigkeit.

O Wort, wie du bewährt dich hast:

Wer wenig sucht, der findet viel.

Ich suchte eine Wanderrast,

Und fand mein Reiseziel.


Ein gastlich Thor nur wünscht’ ich offen,

Mich zu empfahn,

Ein liebend Herz war wider Hoffen

Mir angethan.

O Wort, wie du bewährt dich hast:

Wer wenig sucht, der findet viel.

Ich wollte sein ihr Wintergast,

Und ward ihr Herzgespiel.


Ich bin der Welt abhanden gekommen

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nicht von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorber dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!


Du bist mein Mond

Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde;
Du sagst, du drehest dich um mich.
Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich werde
in meinen Nächten hell durch dich.

Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde;
sie sagen, du veränderst dich.
Allein du änderst nur die Lichtgebärde
und liebst mich unveränderlich.

Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde,
nur mein Erdenschatten hindert dich,
die Liebesfackel stets am Sonnenherde
zu zünden in der Nacht für mich.


Du meine Seele...


Du meine Seele, du mein Herz,

Du meine Wonn’, o du mein Schmerz,

Du meine Welt, in der ich lebe,

Mein Himmel du, darein ich schwebe,

O du mein Grab, in das hinab

Ich ewig meinen Kummer gab!

Du bist die Ruh’, du bist der Frieden,

Du bist der Himmel mir beschieden.

Dass du mich liebst, macht mich mir wert,

Dein Blick hat mich vor mir verklärt,

Du hebst mich liebend über mich,

Mein guter Geist, mein bessres Ich!


Das Leben ein Gesang

Daß mein Leben ein Gesang,

Sag' ich's nur! geworden;

Jeder Sturm und jeder Drang

Dient ihm zu Akkorden.

Was mir nicht gesungen ist,

Ist mir nicht gelebet;

Was noch nicht bezwungen ist,

Sei noch angestrebet!

Von der Welt, die mich umringt,

Wüßt' ich unbezwingbar

Wen'ges nur; die Seele klingt,

Und die Welt ist singbar.


Der Mai macht alles neu

Der Mai macht alles grün,
Nur meine Hoffnung nicht.
Er macht die Rosen blühn,
Wie euer Angesicht,
Und läßt die Sonne glühn,
Wie euer Freudenlicht.
Der Mai macht alles grün,
Nur meine Hoffnung nicht.

Der Mai macht alles grün,
Auch meiner Kinder Grab.
Mit seinem Thaue sprühn
Die Thränen mir hinab,
Und seine Lüfte mühn
Sich mit den Seufzern ab.
Der Mai macht alles grün,
Auch meiner Kinder Grab.


Liebst du um Schönheit

Liebst du um Schönheit,

O nicht mich liebe!

Liebe die Sonne,

Sie trägt ein gold'nes Haar!

Liebst du um Jugend,

O nicht mich liebe!

Liebe den Frühling,

Der jung ist jedes Jahr!

Liebst du um Schätze,

O nicht mich liebe.

Liebe die Meerfrau,

Sie hat viel Perlen klar.

Liebst du um Liebe,

O ja, mich liebe!

Liebe mich immer,

Dich lieb' ich immerdar.



Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen


Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen,

Bald werden sie wieder nach Haus gelangen,

Der Tag ist schön, o sei nicht bang,

Sie machen nur einen weitern Gang.


Ja wohl, sie sind nur ausgegangen,

Und werden jetzt nach Haus gelangen,

O sei nicht bang, der Tag ist schön,

Sie machen den Gang zu jenen Höhn


Sie sind uns nur voraus gegangen,

Und werden nicht hier nach Haus verlangen;

Wir holen sie ein auf jenen Höhn

Im Sonnenschein, der Tag ist schön.