Test
Download document

MORGENSTERN, Christian


BEZAUBERUNG

Ich ging einmal des abends, den du kennst, den Weg,

mit einem Freund, der mir von seinen Plänen sprach.

Da ward mir seltsam: Wie ich schweigend neben ihm

und halb ihm lauschend ging im Dämmerlicht, geschah's,

dass ich mich selbst als Dich empfand, als gingest Du

in mir und lauschtest, wie ich seinem, meinem Wort..

Und leise nickt' und murmelt' ich ihm zu,

mein Augenaufschlag war der Deine, Dein mein Leib

in jeglicher Bewegung bis ins Innerste ..

Und deine scheue Jungfraunseele liebte mich aus mir..



Es ist Nacht

Es ist Nacht,

und mein Herz kommt zu dir,

hält's nicht aus,

hält's nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,

wie ein Stein,

sinkt hinein,

zu dem deinen hinein.

Dort erst,

dort erst kommt es zur Ruh,

liegt am Grund

seines ewigen Du.


Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,

wird an einer Straßenbeuge

und von einem Kraftfahrzeuge

überfahren.

»Wie war» (spricht er, sich erhebend

und entschlossen weiterlebend)

»möglich, wie dies Unglück, ja -:

daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen

in bezug auf Kraftfahrwagen?

Gab die Polizeivorschrift

hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,

hier Lebendige zu Toten

umzuwandeln, - kurz und schlicht:

Durfte hier der Kutscher nicht -?»

Eingehüllt in feuchte Tücher,

prüft er die Gesetzesbücher

und ist alsobald im klaren:

Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:

»Nur ein Traum war das Erlebnis.

Weil», so schließt er messerscharf,

»nicht sein kann, was nicht sein darf.»


Am Meer


Wie ist dir nun,

meine Seele?

Von allen Märkten

des Lebens fern,

darfst du nun ganz

dein selbst genießen.


Keine Frage

von Menschenlippen

fordert Antwort.

Keine Rede

noch Gegenrede

macht dich gemein.

Nur mit Himmel und Erde

hältst du

einsame Zwiesprach.

Und am liebsten

befreist du

dein stilles Glück,

dein stilles Weh

in wortlosen Liedern.


Wie ist dir nun,

meine Seele?

Von allen Märkten[33]

des Lebens fern

darfst du nun ganz

dein selbst genießen.


Gib mir den Anblick deines Seins, o Welt

Gib mir den Anblick deines Seins, o Welt...

Den Sinnenschein laß langsam mich durchdringen...


So wie ein Haus sich nach und nach erhellt,

bis es des Tages Strahlen ganz, durchschwingen -

und so wie wenn dies Haus dem Himmelsglanz

noch Dach und Wand zum Opfer könnte bringen -

dass es zuletzt, von goldner Fülle ganz

durchströmt, als wie ein Geisterbauwerk stände,

gleich einer geistdurchleuchteten Monstranz:


So möchte auch die Starrheitm einer Wände

sich lösen, dass dein volles Sein in mein,

mein volles Sein in dein Sein Einlass fände -

und so sich rein vereinte Sein mit Sein.