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BAUM, Vicki



Menschen im Hotel

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Es ist eine dumme Fabel, daß Hotelstubenmädchen durch die Schlüssellöcher schauen. Hotelstubenmädchen haben gar kein Interesse an den Leuten, die hinter den Schlüssellöchern wohnen. Hotelstubenmädchen haben viel zu tun und sind angestrengt und müde und alle ein wenig resigniert, und sie sind vollauf beschäftigt mit ihren eigenen Angelegenheiten. kein Mensch kümmert sich um den anderen Menschen im großen Hotel, jeder ist mit sich allein in diesem großen Kaff, das Doktor Otternschlag nich so übel mit dem Leben im allgemeinen in Vergleich stellte. Jeder wohnt hinter Doppeltüren und hat nur sein Spiegelbild im Ankleidespiegel zum Gefährten oder seinen Schatten an der Wand. In den Gängen streifen sie einander, in der Halle grüßt man sich, manchmal kommt ein kurzes Gespräch zustande, aus den leeren Worten dieser Zeit kümmerlich zusammengebaut. Ein Blick, der auffliegt, gelangt nicht bis zu den Augen, er bleibt an den Kleidern hängen. Vielleicht kommt es vor, daß ein Tanz im gelben Pavillon zwei Körper nähert. Vielleicht schleicht nachts jemand aus seinem Zimmer in ein anderes. Das ist alles. Dahinter liegt eine abgrundtiefe Einsamkeit. In seinem Zimmer ist jeder allen mit seinem Ich, und kein Du läßt sich fassen oder halten. Noch zwischen den Hochzeitsreisen-den in Nr. 134 liegt die gläserne Leere unausgesprochener Worte zu Bett. Manche verheirateten Stiefelpaare, die nachts vor den Türen stehen, tragen einen deutlichen Ausdruck von Haß gegeneinander in den Ledergesichtern, manche gebärden sich flott, obwohl sie hoffnungslos und schlappohrig sind. Der Hausdiener, der sie einsammelt, ist in eine böse Alimentationsgeschichte verwickelt – wen kümmert das? Das Stubenmädchen aus der zweiten Etage hat etwas mit dem hübschen Chauffeur des Freiherrn von Gaigern angefangen, aber nun ist er wort-los verschwunden, das kränkt sie arg – es kann nicht die Rede davon sein, daß sie auch noch durch Schlüssellöcher schauen wird; nachts möchte sie nachdenken, aber sie ist zu schläfrig; und schlafen kann sie nicht, denn das Stubenmädchen im anderen Bett hat es mit der Lunge, setzt sich hoch, dreht das Licht an und hustet.

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