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HILSENRATH, Edgar



Nacht
…..
Es war vorbei.

Sie hatten diesmal nur die Männer mitgenommen. Zehn Männer. Alle waren jung.

Die Männer hatten geschrien und gejammert und gebettelt, aber es hatte nichts geholfen. Sie hatten die sich Sträubenden über den Fußboden geschleift und dann hinausgezerrt. Eine Weile hörte man noch die Schreie draußen im Hof, dann kamen sie von der Straße und klangen immer ferner und ferner, bis sie sich schließlich irgendwo in der Nacht verloren.

Es war still im Zimmer. Niemand machte Licht. Nur unter dem Küchenherd glühte eine Zigarette.

Jemand flüsterte neben Ranek: »Sie hätten uns alle mitnehmen können!«

»Nein«, sagte Ranek, »das war doch keine richtige Razzia.« Er betastete seinen Bauch. Der Tritt war nicht so schlimm gewesen; er spürte jetzt keinen Schmerz.

»Ja, Sie haben recht«, sagte der Unbekannte zögernd.

»Die haben wieder mal´n paar Leute für Bauarbeiten nötig. Mehr steckt nicht dahinter.«

»Haben Sie gehört, wie die Kerle geschrien haben? So, als ging´s zum Bug. Nur die, die zum Bug gehen, schreien so.«

Ranek lachte leise: »Vielleicht glauben sie, daß man sie dorthin bringt? Kann nicht jeder so logisch denken wie wir hier, nachdem alles vorbei ist.«

»Ja, Sie haben recht«, sagte der Mann wieder.

»Wir sind sie trotzdem endgültig los«, sagte Ranek.

»Glauben Sie das?«

»Die Affen sind viel zu blöd, um sich wieder rauszudrehen. Man wird sie später erschießen, wenn man sie nicht mehr braucht.«

»Das stimmt ... Gut, daß es keine richtige Razzia war«, seufzte der Unbekannte dann erleichtert.

Nach und nach tasteten sich die Leute auf ihre Plätze zurück. Es wurde auch wieder Licht gemacht.

Ranek hatte sich nicht mehr um Debora gekümmert. Erst jetzt bemerkte er, daß sie nicht mehr im Zimmer war. Schon wollte er aufstehen, um sie zu suchen, als er sie plötzlich hereinstürzen sah. Ihr Gesicht war verstört. Er lief ihr entgegen. »Fred ist nicht mehr da!« stöhnte sie. »Man hat ihn mitgenommen!«

»Das kann nicht sein!« stieß er erschrocken aus. »Fred kann doch nicht gehen. Er ist sicher aus dem Hausflur rausgekrochen und hat sich irgendwo versteckt.«

»Nein ... ich hab´ schon gesucht ... hinter dem Haus ... im Hof ...«

»Fred taugt nicht für die Zwangsarbeit«, sagte er, »außerdem haben sie nur zehn Leute gebraucht. Paß auf, das ist sicher nur´n Spaß, den sie mit ihm gemacht haben ... einer dieser verrückten Späße, du weißt doch, das kommt immer vor, er wird sicher auf der Straße liegen.«

Sie nickte. Sie weinte nicht. Sie sagte bloß: »Komm! Hilf mir, ihn zu suchen!«

Wer nicht gehen kann, wird unterwegs getötet, dachte er, aber vielleicht war es wirklich nur ein Spaß.

»Paß auf«, sagte er wieder, »ist sicher nur´n Spaß.«

Sie schauten nochmals im Umkreis des Hauses nach, aber von Fred war keine Spur zu sehen. Sie traten dann auf die Straße. Plötzlich fing Debora zu rennen an.

Sie fanden ihn an der ersten Straßenkreuzung. Er lag mitten auf dem Fahrweg, blutend und besinnungslos.

»Es ist nur´ne leichte Kopfwunde«, beruhigte er sie. Er wartete, bis sie ihm das Blut aus dem Gesicht gewischt hatte. Dann sagte er: »Sei froh, daß sie ihn nur verprügelt haben.«

»Diese Bestien!« sagte sie. »Diese Bestien!«

»Was machen wir jetzt?«

»Wir müssen ihn tragen.«

»Vielleicht warten wir, bis er wieder zu sich kommt? Wir werden ihn stützen, und er wird versuchen zu gehen?«

»Nein, wir tragen ihn«, sagte sie hart.

Als das Zimmer von einem Haufen Obdachloser gestürmt wurde, lag Fred längst wieder unter der Treppe. Die Obdachlosen waren gut informiert und wußten, daß eine Menge Schlafplätze frei geworden waren; sie hatten sich noch eine Zeitlang in den Büschen verborgen gehalten, und erst, als sie sahen, daß die Polizei nicht mehr zurückkam, rückten sie an. Zuerst lärmten sie unter dem Fenster und warfen Steine gegen die Pappdeckelscheibe. Dann kamen sie in den Hausflur und verlangten Einlaß ... Sie waren mit Stöcken bewaffnet; sie drängten die Treppe hinauf und schlugen wild und verzweifelt auf die paar Leute ein, die sich in die Tür gestellt hatten, bereit, das Zimmer zu verteidigen. Der Kampf hielt nicht lange an. Bald waren die freien Plätze besetzt, während der Rest des Haufens, der keinen Raum mehr gefunden hatte, fluchend wieder abgezogen war.

Ranek hatte sich nicht eingemischt, denn es war ihm egal, wer die Plätze bekam; er bedauerte nur, daß Debora vorgezogen hatte, weiter draußen bei Fred auszuharren, obwohl er versucht hatte, sie umzustimmen.

Er löschte nun das Licht aus, aber es dauerte noch eine Weile, bis der Lärm abflaute, denn die Neuen wurden andauernd provoziert; man hörte Beleidigungen und grobe Schimpfwörter durch die Dunkelheit schwirren, und ab und zu klatschte irgendwo ein harter Gegenstand auf ... Allmählich aber beruhigten sich die Leute. Die Nacht war nicht mehr lang, und sie wollten schließlich noch ein paar Stunden Schlaf mitkriegen. Er konnte nicht lange geschlafen haben, denn als er erwachte, war es noch immer stockdunkel. Während er sich benommen aufrichtete, spürte er, daß seine Hosen naß waren. Das machte ihn ganz wach. Fluchend untersuchte er nun auch seine Jacke; er hatte sie heute Nacht nicht auf dem Boden ausgebreitet, sondern anbehalten, und so war sie zum Teil trocken geblieben. Er rüttelte Leo. »Drecksau!« zischte er. »Verdammter Pisser!« Leo murmelte irgend etwas und versuchte sich aufzurichten, fiel aber kraftlos wieder zurück.

»Hast wohl Angst, was?« sagte Ranek. »Paß auf! Mit dir machen wir jetzt kurze Geschichten!«

Er stand wütend auf. Der muß raus! Dachte er. Am besten, du machst es gleich jetzt. Schaff ihn in den Hausflur. Er überlegte kurz. Leo war viel zu schwach, um sich zu wehren. Aber er konnte noch kriechen. Und er würde natürlich wieder zurückkriechen. Also, die Treppe runter, dachte er; du wirst ihn unten im Durchgang hinlegen. Die Treppe wird er nicht allein rauf können. Soviel Kraft hat er nicht mehr.

Ranek bückte sich und packte die Beine des Halbtoten; er wartete darauf, daß Leo strampelte, aber er strampelte nicht; er hatte plötzlich das Gefühl, als wäre der andere vor Schreck völlig gelähmt; er wimmerte nicht mal. Ranek ließ wieder los. Daß man immer noch diese verdammten Hemmungen hat, dachte er kopfschüttelnd. Unentschlossen stand er im Dunkeln. Seine Hände tasteten nach der Lampe, er nahm sie vom Fensterbrett herunter, stellte sie aber gleich wieder zurück, als hätte er auf einmal Angst, das Gesicht Leos bei Licht zu sehen ... Bist ihn sowieso bald los, dachte er; lange wird er nicht mehr pissen. Laß ihn jetzt in Ruhe! Er schlurfte zum Herd, um einen Lappen zum Trockenwischen zu holen.

…..