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SCHROBSDORFF, Angelika



Du bist nicht wie andre Mutter

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Im August 1914 brach der Krieg aus und im Hause Kirschner die Panik.

Ihre Tochter, gerade zwanzig geworden, war noch immer nicht in den sicheren Hafen der Ehe eingelaufen, und in Kriegszeiten wurden die Männer knapp oder hatten Dringenderes zu tun, als zu heiraten. Ihr Sohn, Friedel, war nach dem Abitur im wehrdienstpflichtigen Alter und in der Gefahr, einberufen zu werden. Etwas Schlimmeres konnten sich die Eltern nicht vorstellen. Was, um Himmels willen, sollten sie unternehmen, um das eine zu verhindern, das andere zu beschleunigen? »Und dieser ganze Schlamassel wegen eines Kinkerlitzchens«, sagte Minna und meinte damit die Ermordung des österreichischen Thronfolgers.

Minna und Daniel waren unpolitische, friedliebende Menschen, die, im Gegensatz zum gehobenen jüdischen Bürgertum, auf keine deutsch-nationalen Abwege geraten waren. Dementsprechend gering war auch ihr Patriotismus. Deutschland war ihre Heimat, deutsch ihre Sprache, deutsch ihre Kultur und jüdisch ihr religiöses und familiäres Bewusstsein. Sie respektierten den Kaiser, weil er nun eben mal ein Kaiser war und außerdem ein Mensch, unter dessen Herrschaft sie in Ruhe und Freiheit leben, arbeiten, studieren, zu Geld und hoher Position kommen und sich trotzdem ihr Judentum bewahren konnten. Das war selten genug vorgekommen, und sie wussten es zu schätzen, waren dafür dankbar. Aber Chauvinismus war ihnen fremd. Gewiss, man musste sein Land und Volk schützen, wenn es angegriffen wurde, aber wenn es um Ehre und Glorie eines Landes – und sei es das eigene – ging, dann war ihnen die in dem Maße unwichtig, in dem ihnen das Wohl ihrer Kinder wichtig war. Die gleiche gesunde Einstellung hatte Else. Sie schrieb: »Ich bewundere nicht den Kaiser, und für mein Vaterland habe ich vielerlei, aber keine patriotischen Gefühle. Ich verabscheue den Krieg und werde nie verstehen, dass ein Mensch die Macht haben kann, junge Männer in den Tod zu schicken.«

Es ist übrigens die einzige Bemerkung zu diesem Thema. In den zahlreichen Briefen, die sie aus jener Zeit hinterlassen hat, wird der Krieg nie wieder erwähnt.

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