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PLATEN, August Graf von


Ich bin wie Leib dem Geist

Ich bin wie Leib dem Geist, wie Geist dem Leibe dir;

Ich bin wie Weib dem Mann, wie Mann dem Weibe dir,

Wen darfst du lieben sonst, da von der Lippe weg

Mit ew'gen Küssen ich den Tod vertreibe dir?

Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang,

Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir;

Was willst du noch? was blickt die Sehnsucht noch umher?

Wirf alles, alles hin: du weißt, ich bleibe dir!



Sonette 22

Venedig liegt nur noch im Land der Träume,

Und wirft nur Schatten her aus alten Tagen,

Es liegt der Leu der Republik erschlagen,

Und öde feiern seines Kerkers Räume.


Die ehrnen Hengste, die durch salz'ge Schäume

Dahergeschleppt, auf jener Kirche ragen,

Nicht mehr dieselben sind sie, ach! sie tragen

Des korsikan'schen Überwinders Zäume.


Wo ist das Volk von Königen geblieben,

Das diese Marmorhäuser durfte bauen,

Die nun verfallen und gemach zerstieben?


Nur selten finden auf des Enkels Brauen

Der Ahnen große Züge sich geschrieben,

An Dogengräbern in den Stein gehauen.


Der Strom

Der Strom, der neben mir verrauschte, wo ist er nun?

Der Vogel, dessen Lied ich lauschte, wo ist er nun?

Wo ist die Rose, die die Freundin am Herzen trug,

Und jener Kuß, der mich berauschte, wo ist er nun?

Und jener Mensch, der ich gewesen, und den ich längst

Mit einem andern Ich vertauschte, wo ist er nun?


Winterlied


Geduld, du kleine Knospe
Im lieben stillen Wald,
Es ist noch viel zu frostig,
Es ist noch viel zu bald.

Noch geh ich dich vorüber,
Doch merk ich mir den Platz,
Und kommt heran der Frühling,
So hol ich dich, mein Schatz.


Wer wußte je das Leben recht zu fassen

Wer wußte je das Leben recht zu fassen,

Wer hat die Hälfte nicht davon verloren

Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren,

In Liebesqual, im leeren Zeitverprassen?

Ja, der sogar, der ruhig und gelassen,

Mit dem Bewußtsein, was er soll, geboren,

Frühzeitig einen Lebensgang erkoren,

Muß vor des Lebens Widerspruch erblassen.

Denn jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache,

Allein das Glück, wenn's wirklich kommt, ertragen,

Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.

Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen:

Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache,

Und auch der Läufer wird es nicht erjagen.


Sieh, du schwebst im Reigentanze; doch den Sinn erkennst du nicht

Sieh, du schwebst im Reigentanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Dich beglückt des Dichters Stanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Du beschaust die Form des Leibes, undurchschaulich abgestrahlt

Von des Marmors frischem Glanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Als Granate blinkt die Sonne golden dir, die goldne Frucht,

Und der Mond als Pomeranze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Ihr Geblüt, das heilig dunkle, das in Trunkenheit dich wiegt,

Bietet dir die Rebenpflanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Sieh, die Palme prangt als Kragen um des ird'schen Rockes Rand,

Sieh, die Fichte hangt als Franze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Sterngezelte, Blütenharnisch, blendet und erfreut den Blick,

Taleslager, Bergesschanze; doch den Sinn erkennst du nicht;

Bebend in der Mutter Busen, der gesäugt den ew'gen Sohn,

Siehest du des Schmerzes Lanze; doch den Sinn erkennst du nicht.



Farbenstäubchen auf der Schwinge


Farbenstäubchen auf der Schwinge

Sommerlicher Schmetterlinge


Flüchtig sind sie, sind vergänglich

Wie die Gaben, die ich bringe,

Wie die Kränze, die ich flechte,

Wie die Lieder, die ich singe:


Schnell vorüber schweben alle,

Ihre Dauer ist geringe,

Wie ein Schaum auf schwanker Welle,

Wie ein Hauch auf blanker Klinge.


Nicht Unsterblichkeit verlang ich,

Sterben ist das Los der Dinge:

Meine Töne sind zerbrechlich

Wie das Glas, an das ich klinge.