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BRECHT, Bertolt


Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
…..
Ui, bitter:

Wer spricht? Kein Mensch spricht von mir noch

Die Stadt hat kein Gedächnis. Ach, kurzlebig

Ist hier der Ruhm. Zwei Monate kein Mord, und

Man ist vergessen. ( Durchfliegt die Zeitungen ) Schweigt

Der Mauser, schweigt

Die Presse. Selbst wenn ich die Morde liefre

Kann ich nie sicher sein, dass was gedruckt wird.

Denn nicht die Tat zählt, sondern nur der Einfluss.

Und der hängt wieder ab von meinem Bankbuch.

Kurz, 's ist so weit gekommen, dass ich manchmal

Versucht bin, alles hinzuschmeissen.
…..


Der gute Mensch von Sezuan
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Verehrtes Publikum, jetzt kein Verdruss:

Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluss.

[...]

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen

Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

[...]

Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach:

Sie selber dächten auf der Stelle nach

Auf welche Weis dem guten Menschen man

Zu einem guten Ende helfen kann.

Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!

Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!
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Mutter Courage
…..
Der Krieg befriedigt auch die Bedürfnisse, auch die friedlichen darunter. Im Krieg kannst du auch kacken wie im tiefsten Frieden und zwischen dem einen Gefecht und dem anderen gibt es ein Bier
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Der Werber : Wie soll man sich hier eine Mannschaft zusammenlesen? Feldwebel, ich denk schon mitunter an Selbstmord. Bis zum Zwölften soll ich dem Feldhauptmann vier Fähnlein hinstelln, und die Leut hier herum sind so voll Bosheit, daß ich keine Nacht mehr schlaf. Hab ich endlich einen aufgetrieben und schon durch die Finger gesehn und mich nix wissen gemacht, daß er eine Hühnerbrust hat und Krampfadern, ich hab ihn glücklich besoffen, er hat schon unterschrieben, ich zahl nur noch den Schnaps, er tritt aus, ich hinterher zur Tür, weil mir was schwant: Richtig, weg ist er, wie die Laus unterm Kratzen. Da gibts kein Manneswort, kein Treu und Glauben, kein Ehrgefühl. Ich hab hier mein Vertrauen in die Menschheit verloren, Feldwebel.

Der Feldwebel : Man merkts, hier ist zu lang kein Krieg gewesen. Wo soll da Moral herkommen, frag ich? Frieden, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung. Die Menschheit schießt ins Kraut im Frieden. Mit Mensch und Vieh wird herumgesaut, als wärs gar nix. Jeder frißt, was er will, einen Ranken Käs aufs Weißbrot und dann noch eine Scheibe Speck auf den Käs. Wie viele junge Leut und gute Gäul diese Stadt da vorn hat, weiß kein Mensch, es ist niemals gezählt worden. Ich bin in Gegenden gekommen, wo kein Krieg war vielleicht siebzig Jahr, da hatten die Leut überhaupt noch keine Namen, die kannten sich selber nicht. Nur wo Krieg ist, gibts ordentliche Listen und Registraturen, kommt das Schuhzeug in Ballen und das Korn in Sack, wird Mensch und Vieh sauber gezählt und weggebracht, weil man eben weiß: Ohne Ordnung kein Krieg!

Der Werber : Wie richtig das ist!

Der Feldwebel : Wie alles Gute ist auch der Krieg am Anfang halt schwer zu machen. Wenn er dann erst floriert, ist er auch zäh; dann schrecken die Leut zurück vorm Frieden wie die Würfler vorm Aufhören, weil dann müssens zählen, was sie verloren haben. Aber zuerst schreckens zurück vorm Krieg. Er ist ihnen was Neues.

Der Werber : Du, da kommt ein Planwagen. Zwei Weiber und zwei junge Burschen. Halt die Alte auf, Feldwebel. Wenn das wieder nix ist, stell ich mich nicht weiter in den Aprilwind hin, das sag ich dir.


Man hört eine Maultrommel. Von zwei jungen Burschen gezogen, rollt ein Planwagen heran. Auf ihm sitzen Mutter Courage und ihre stumme Tochter Kattrin.

Mutter Courage : Guten Morgen, Herr Feldwebel!

Der Feldwebel sich in den Weg stellend : Guten Morgen, ihr Leut! Wer seid ihr?

Mutter Courage : Geschäftsleut. Singt:


Ihr Hauptleut, laßt die Trommel ruhen

Und laßt eur Fußvolk halten an:

Mutter Courage, die kommt mit Schuhen

In denens besser laufen kann.

Mit seinen Läusen und Getieren

Bagage, Kanone und Gespann –

Soll es euch in die Schlacht marschieren

So will es gute Schuhe han.

Das Frühjahr kommt. Wach auf, du Christ!

Der Schnee schmilzt weg. Die Toten ruhn.

Und was noch nicht gestorben ist

Das macht sich auf die Socken nun.


Ihr Hauptleut, eure Leut marschieren

Euch ohne Wurst nicht in den Tod.

Laßt die Courage sie erst kurieren

Mit Wein von Leibs- und Geistesnot.

Kanonen auf die leeren Mägen

Ihr Hauptleut, das ist nicht gesund.

Doch sind sie satt, habt meinen Segen

Und führt sie in den Höllenschlund.


Das Frühjahr kommt. Wach auf, du Christ!

Der Schnee schmilzt weg. Die Toten ruhn.

Und was noch nicht gestorben ist

Das macht sich auf die Socken nun.


Der Feldwebel : Halt, wohin gehört ihr, Bagage?

Der ältere Sohn : Zweites Finnisches Regiment.

Der Feldwebel : Wo sind eure Papiere?

Mutter Courage : Papiere?

Der jüngere Sohn : Das ist doch die Mutter Courage!

Der Feldwebel : Nie von gehört. Warum heißt sie Courage?

Mutter Courage: Courage heiß ich, weil ich den Ruin gefürchtet hab, Feldwebel, und bin durch das Geschützfeuer von Riga gefahrn mit fünfzig Brotlaib im Wagen. Sie waren schon angeschimmelt, es war höchste Zeit, ich hab keine Wahl gehabt.

Der Feldwebel : Keine Witze, du. Wo sind die Papiere!

Mutter Courage aus einer Zinnbüchse einen Haufen Papiere kramend und herunterkletternd : Das sind alle meine Papiere, Feldwebel. Da ist ein ganzes Meßbuch dabei, aus Altötting, zum Einschlagen von Gurken, und eine Landkarte von Mähren, weiß Gott, ob ich da je hinkomm, sonst ist sie für die Katz, und hier stehts besiegelt, daß mein Schimmel nicht die Maul- und Klauenseuch hat, leider ist er uns umgestanden, er hat fünfzehn Gulden gekostet, aber nicht mich, Gott sei Dank. Ist das genug Papier?

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Dreigroschenoper
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Macheath:

Die Kerle, die in Häuser brechen
Dieweil sie keine Bleibe kennen;
Die Lästermäuler, selbst die frechen
Sie könnten eure Mütter sein!
’s mag ihnen nur an Härte fehlen –
Ich bitt euch, ihnen zu verzeihn.
Habt da mehr Nachsicht mit den kleinen
Und weniger mit den großen Dieben
Die euch in Krieg und Schande trieben
Und betten euch auf blut’gen Steinen.
Die euch erpreßt zu Mord und Raube
Und nunmehr winseln ihr „Vergib!“ –
Stopft ihnen’s Maul und mit dem Staube
Der von eur’n schönen Städten blieb!
Und die da reden von Vergessen
Und die da reden von Verzeihn –
All denen schlage man die Fressen
Mit schweren Eisenhämmern ein.
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