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HERWEGH, Georg


Im Frühling

O laß sie träumen den Kaiserwahn,

Alt-Deutschlands Ritter und Recken;

Wie werden sich vor dem roten Hahn

Die roten Adler verstecken!

O laß sie träumen noch eine Nacht!

Dann wetzen wir aus die Scharte,

Dann werden Fidibusse gemacht

Aus der europäischen Karte.

Die Völker kommen und läuten Sturm –

Erwache, mein Blum , erwache!

Vom Kölner Dome zum Stefansturm

Wird brausen die Rache, die Rache.

Vorn Stefansturm zum stillen Prag

Und weiter, weiter nach Polen

Das ist der Könige Jüngster Tag;

Der Teufel, er wird sie holen.

Die alten Kohorten am Tiberstrom

Stehn auf beim Klang der Trompeten;

Die Glocken schweigen, du ewiges Rom

Vergiß dein Singen und Beten!

Die Glocken schweigen, die Pfaffen schrein

In ihren zertrümmerten Hallen;

Den Heiligen wird der goldne Schein

Vom zitternden Haupte fallen.

Die Henker falten, vor Schrecken bleich,

Die blutigen Hände zusammen;

Und aus dem stürzenden Österreich

Hoch lodern werden die Flammen.

Das alles, das alles soll geschehn

In kommenden Frühlingstagen –

Herrgott, laß die Welt nicht untergehn,

Eh die Nachtigallen schlagen!


Ich möchte hingehn wie das Abendrot

Ich möchte hingehn wie das Abendrot

Und wie der Tag in seinen letzten Gluten –

O leichter, sanfter, ungefühlter Tod! –

Mich in den Schoß des Ewigen verbluten.

Ich möchte hingehn wie der heitre Stern,

Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken;

So stille und so schmerzlos möchte gern

Ich in des Himmels blaue Tiefen sinken.

Ich möchte hingehn wie der Blume Duft,

Der freudig sich dem schönen Kelch entringet

Und auf dem Fittich blütenschwangrer Luft

Als Weihrauch auf des Herren Altar schwinget.

Ich möchte hingehn wie der Tau im Tal,

Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken;

O wollte Gott, wie ihn der Sonnenstrahl,

Auch meine lebensmüde Seele trinken!

Ich möchte hingehn wie der bange Ton,

Der aus den Saiten einer Harfe dringet,

Und, kaum dem irdischen Metall entflohn,

Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust erklinget.

Du wirst nicht hingehn wie das Abendrot,

Du wirst nicht stille wie der Stern versinken,

Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod,

Kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken.

Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur,

Doch wird das Elend deine Kraft erst schwächen,

Sanft stirbt es einzig sich in der Natur,

Das arme Menschenherz muß stückweis brechen.