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GEIBEL, Emanuel


Der Mai ist gekommen

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,

Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!

Wie die Wolken wandern am himmlischen Zelt,

So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt!

Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht!

Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,

Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.

Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl

Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal!

Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all,

Mein Herz ist wie 'ne Lerche, und stimmet ein mit Schall.

Und abends im Städtlein, da kehr' ich durstig ein:

»Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!

Ergreife die Fiedel, du lust'ger Spielmann du,

Von meinem Schatz das Liedel, das sing' ich dazu.«

Und find' ich keine Herberg, so lieg' ich zu Nacht

Wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht:

Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,

Es küsset in der Früh' das Morgenrot mich wach.

O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!

Da wehet Gottes Odem so frisch in die Brust;

Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:

Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!


Gudruns Klage

Nun geht in grauer Frühe

Der scharfe Märzenwind,

Und meiner Qual und Mühe

Ein neuer Tag beginnt.

Ich wall' hinab zum Strande

Durch Reif' und Dornen hin,

Zu waschen die Gewande

Der grimmen Königin,

Das Meer ist tief und herbe,

Doch tiefer ist die Pein,

Von Freund und Heimatserbe

Allzeit geschieden sein;

Doch herber ist's, zu dienen

In fremder Mägde Schaar,

Und hat mir einst geschienen

Die güldne Kron' im Haar.

Mir ward kein guter Morgen,

Seit ich dem Feind verfiel;

Mein Speis' und Trank sind Sorgen,

Und Kummer mein Gespiel.

Doch berg' ich meine Thränen

In stolzer Einsamkeit;

Am Strand den wilden Schwänen

Allein sing' ich mein Leid.

Kein Dräuen soll mir beugen

Den hochgemuten Sinn;

Ausduldend will ich zeugen,

Von welchem Stamm ich bin.

Und so sie hold gebahren,

Wie Spinnweb acht' ich's nur;

Ich will getreu bewahren

Mein Herz und meinen Schwur.

O Ortwin, trauter Bruder,

O Herwig, Buhle werth,

Was rauscht nicht euer Ruder,

Was klingt nicht euer Schwert!

Umsonst zur Meeresküste

Hinspäh' ich jede Stund!

Doch naht sich dieser Küste

Kein Wimpel, das mir kund.

Ich weiß es: nicht vergessen

Habt ihr der armen Maid;

Doch ist nur kurz gemessen

Dem steten Gram die Zeit.

Wohl kommt ihr einst, zu sühnen;

Zu retten, ach, zu spät,

Wann schon der Sand der Dünen

Um meinen Hügel webt.

Es dröhnt mit dumpfem Schlage

Die Brandung in mein Wort;

Der Sturm zerreißt die Klage

Und trägt beschwingt sie fort.

O möcht' er brausend schweben

Und geben euch Bericht:

»Wohl lass' ich hier das Leben,

Die Treue lass' ich nicht!«