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HESSE, Hermann



Wiedersehen

Hast du das ganz vergessen,

Daß einst dein Arm in meinem hing

Und Wonne unermessen

Von deiner Hand in meine Hand,

Von meinem Mund in deinen überging.

Und daß dein blondes Haar

Einst einen flüchtigen Frühling lang

Der selige Mantel meiner Liebe war,

Und daß die Welt einst duftete und klang

Die jetzt so öd verdrossen liegt,

Von keinem Liebessturm, von keiner Torheit mehr gewiegt?


Was wir einander wehe tun,

Die Zeit verweht´s, das Herz vergißt.

Die seligen Stunden aber ruhn

In einem Glanz, der ohne Ende ist.



Ravenna

Ich bin auch in Ravenna gewesen

Ist eine kleine tote Stadt;

Die Kirchen und viele Ruinen hat,

Man kann davon in den Büchern lesen


Du gehst hindurch und schaust dich um,

Die Straßen sind so trüb und nass

Und sind so tausendjährig stumm

Und überall wächst Moos und Gras.


Das ist wie alte Lieder sind.

Man hört sie an und keiner lacht

Und jeder lauscht und jeder sinnt

Hernach daran bis in die Nacht.


Die Frauen von Ravenna tragen

Mit tiefem Blick und zarter Geste

In sich ein Wissen von den Tagen

Der alten Stadt und ihrer Feste.


Die Frauen von Ravenna weinen

Wie stille Kinder: tief und leise.

Und wenn sie lachen, will es scheinen

Zu trübem Text die helle Weise.


Die Frauen von Ravenna beten

Wie Kinder: sanft und voll Genügen.

Sie können Liebesworte reden

Und selbst nicht wissen, dass sie lügen.


Die Frauen von Ravenna küssen

Seltsam und tief und hingegeben.

Und ihnen allen ist vom Leben

Nichts kund, als dass wir sterben müssen.



Manchmal

Manchmal, wenn ein Vogel ruft

Oder ein Wind geht in den Zweigen

Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,

Dann muß ich lange lauschen und schweigen.


Meine Seele flieht zurück,

bis wo vor tausend vergessenen Jahren

Der Vogel und der wehende Wind

mir ähnlich und meine Brüder waren.


Meine Seele wird Baum

Und ein Tier und ein Wolkenweben.

Verwandelt und fremd kehrt sie zurück

Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?



Sprache

Die Sonne spricht zu uns mit Licht,

Mit Duft und Farbe spricht die Blume,

Mit Wolken, Schnee und Regen spricht

Die Luft. Es lebt im Heiligtume

Der Welt ein unstillbarer Drang,

Der Dinge Stummheit zu durchbrechen,

In Wort, Gebärde, Farbe, Klang

Des Seins Geheimnis auszusprechen.


Hier strömt der Künste lichter Quell,

Es ringt nach Wort, nach Offenbarung,

Nach Geist die Welt und kündet hell

Aus Menschenlippen ewige Erfahrung.

Nach Sprache sehnt sich alles Leben,

In Wort und Zahl, in Farbe, Linie, Ton

Beschwört sich unser dumpfes Streben

Und baut des Sinnes immer höhern Thron.


In einer Blume Rot und Blau,

In eines Dichters Worte wendet

Nach innen sich der Schöpfung Bau,

Der stets beginnt und niemals endet.

Und wo sich Wort und Ton gesellt,

Wo Lied erklingt, Kunst sich entfaltet,

Wird jedesmal der Sinn der Welt,

Des ganzen Daseins neu gestaltet,

Und jedes Lied und jedes Buch

Und jedes Bild ist ein Enthüllen,

Ein neuer, tausendster Versuch,

Des Lebens Einheit zu erfüllen.


In diese Einheit einzugehn

Lockt euch die Dichtung, die Musik,

Der Schöpfung Vielfalt zu verstehn

Genügt ein einziger Spiegelblick.

Was uns Verworrenes begegnet,

Wird klar und einfach im Gedicht:

Die Blume lacht, die Wolke regnet,

Die Welt hat Sinn, das Stumme spricht.



Seltsam, im Nebel zu wandern!


Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein,

Kein Baum sieht den anderen,

Jeder ist allein.


Voll von Freunden war mir die Welt,

Als noch mein Leben licht war;

Nun, da der Nebel fällt,

Ist keiner mehr sichtbar.


Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkel kennt,

Das unentrinnbar und leise

Von allem ihn trennt.


Seltsam, im Nebel zu wandern!

Leben ist Einsamsein.

Kein Mensch kennt den andern,

Jeder ist allein.



Steppenwolf

Ich Steppenwolf trabe und trabe,

Die Welt liegt voll Schnee,

Vom Birkenbaum flügelt der Rabe,

Aber nirgends ein Hase, nirgends ein Reh

In die Rehe bin ich so verliebt,

Wenn ich doch eins fände!

Ich nähm’s in die Zähne, in die Hände,

Das ist das Schönste, was es gibt.

Ich wäre der Holden so von herzen gut,

Fräße mich tief in ihre zärtlichen Keulen,

Tränke mich satt an ihrem hellroten Blut,

Um nachher die ganze Nach einsam zu heulen.

Sogar mit einem Hasen wär ich zufrieden,

Süß schmeckt sein warmes Fleisch in der Nacht –

Ach, ist den alles von mir geschieden,

Was das Leben ein bisschen fröhlicher macht?

An meinem Schwanz ist das Haar schon grau,

Auch kann ich nicht mehr ganz deutlich sehen,

Schon vor Jahren starb meine Liebe Frau.

Und nun trab ich und träume von Rehen,

Trabe und träume von Hasen,

Höre den Wind in der Winternacht blasen,

Tränke mit Schnee meine brennende Kehle,

Trage dem Teufel zu meine arme Seele.



Gestutzte Eiche


Wie haben sie dich, Baum, verschnitten

Wie stehst du fremd und sonderbar!

Wie hast du hundertmal gelitten,

Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!


Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,

Gequälten Leben brach ich nicht

Und tauche täglich aus durchlittnen

Roheiten neu die Stirn ins Licht.


Was in mir weich und zart gewesen,

Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,

Doch unzerstörbar ist mein Wesen,

Ich bin zufrieden, bin versöhnt,


Geduldig neue Blätter treib ich

Aus Ästen hundertmal zerspalt,

Und allem Weh zu Trotze bleib ich

Verliebt in die verrückte Welt.



Bücher

Alle Bücher dieser Welt

Bringen dir kein Glück,

Doch sie weisen dich geheim

In dich selbst zurück.


Dort ist alles, was du brauchst,

Sonne, Stern und Mond,

Denn das Licht, danach du fragst,

In dir selber wohnt


Weisheit, die du lang gesucht

In den Büchereien,

Leuchtet jetzt aus jedem Blatt —

Denn nun ist sie dein.



Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.


Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.


Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

Uns neuen Räumen jung entgegen senden,

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!



Leben einer Blume


Aus grünem Blattkreis kinderhaft beklommen

blickt sie um sich und wagt es kaum zu schauen,

fühlt sich von Wogen Lichtes aufgenommen,

spürt Tag und Sommer unbegreiflich blauen.


Es wirbt um sie das Licht, der Wind, der Falter,

im ersten Lächeln öffnet sie dem Leben

ihr banges Herz und lernt, sich hinzugeben

der Träumefolge kurzer Lebensalter.

Jetzt lacht sie voll, und ihre Farben brennen,

an den Gefäßen schwillt der goldne Staub,

sie lernt den Brand des schwülen Mittags kennen

und neigt am Abend sich erschöpft ins Laub.


Es gleicht ihr Rand dem reifen Frauenmunde,

um dessen Linien Altersahnung zittert;

heiß blüht ihr Lachen auf, an dessen Grunde

schon Sättingung und bittre Neige wittert.

Nun schrumpfen auch, nun fasern sich und hangen

die Blättchen müde überm Samenschoße.

Die Farben bleichen geisterhaft: das große

Geheimnis hält die Sterbende umfangen.



Absage

Lieber von einem Faschisten erschlagen werden

Als selber Faschist sein!

Lieber von einem Kommunisten erschlagen werden

Als selber Kommunist sein!


Wir haben den Krieg nicht vergessen. Wir wissen,

Wie das berauscht, wenn man Trommel und Pauke rührt.

Wir sind taub, wir werden nicht mitgerissen,

Wenn ihr das Volk mit dem alten Rauschgift verführt.

Wir sind weder Soldaten noch Weltverbesserer mehr,

Wir glauben nicht, dass "an unserem Wesen

Die Welt müsse genesen".

Wir sind arm, wir haben Schiffbruch gelitten,

Wir glauben alle an die hübschen Phrasen nicht mehr,

Mit denen man uns in den Krieg gepeitscht und geritten -

Auch die Euren, rote Brüder, sind Zauber und führen zu Krieg und Gas!


Auch Eure Führer sind Generäle,

Kommandieren, schreien und organisieren,

Wir aber, wir hassen das,

Wir trinken den Fusel nicht mehr,

Wir wollen Herz und Vernunft nicht verlieren,

Nicht unter roten noch weissen Fahnen marschieren.

Lieber wollen wir einsam als "Träumer" verderben

Oder unter Euren blutigen Brüderhänden sterben,

Als irgend ein Partei- und Machtglück geniessen

Und im Namen der Menschheit auf unsere Brüder schiessen!


(Als Antwort auf einige Anfragen, warum ich (Anm.: Hermann Hesse) mich nicht auf die Seite der Kommunisten stelle.)