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KALEKO, Mascha


Letztes Lied

Ich werde fortgehn, Kind.

Doch Du sollst leben

und heiter sein.

In meinem jungen Herzen

brannte das goldene Licht.

Das hab´ich Dir gegeben.

Und nun verlöschen meine Abendkerzen.

Das Fest ist aus,

der Geigenton verklungen.

Gesprochen ist das letzte Wort.

Bald schweigt auch sie,

die dieses Lied gesungen.

Sing Du es weiter, Kind,

denn ich muss fort.

Den Becher trank ich leer,

im raschen Zug.

Und weiß,wer davon kostet,

muss sterben.

Du aber, Kind,

sollst erben.

Und all den Segen,

den es in sich trug.

Mir war das Leben

wie ein Wunderbaum

von dem in Sommernächten Psalmen tönen.

Nun sind die Tage

wie ein geträumter Traum.

Und alle meine Nächte,

alle Tränen.

Und war es froh.

Mein Herz war so bereit.

Und Gott war gut.

Nun nimmt er alle Gaben.

In Deiner Seele, Kind,

kommt einst die Zeit.

Soll, was ich nicht erlebt,

Erfüllung haben.

Ich werde still sein,

doch mein Lied geht weiter.

Gib Du ihm Deinen klaren, reinen Ton.

Du sei ein großer Mann,

mein kleiner Sohn.

Ich bin so müde,

aber Du sei heiter.


Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen

Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.

Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,

Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.

– Daß Amseln flöten und daß Immen summen,

Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.

Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.

Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht

Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.

Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,

Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,

Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.

Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!

Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.

Ich freue mich vor allem, daß ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:

Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.

An solchem Tag erklettert man die Leiter,

Die von der Erde in den Himmel führt.

Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,

– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.

Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne

Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.

Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!

Ich freu mich, daß ich . . . Daß ich mich freu.


BLATT IM WIND

Laß mich das Pochen deines Herzens spüren,

Daß ich nicht höre, wie das meine schlägt.

Tu vor mir auf all die geheimen Türen,

Da sich ein Riegel vor die meinen legt.

Ich kann es, Liebster, nicht in Worte bekennen,

Und meine Tränen bleiben ungeweint,

Die Macht, die uns von Anbeginn vereint,

Wird uns am letzten aller Tage trennen.

All mein Schmerz ertränke ich in Küssen.

All mein Geheimnis trag ich wie ein Kind.

Ich bin ein Blatt, zu früh vom Baum gerissen.

Ob alle Liebenden so einsam sind?


Die Zeit steht still

Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen.

Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,

Scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen,

Wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.

Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,

Mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum.

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens

An uns vorbei zu einem andern Stern

Und ist im Nahekommen uns schon fern.

Sie anzuhalten suchen wir vergebens

Und wissen wohl, dies alles ist nur Trug.

Die Landschaft bleibt, indessen unser Zug

Zurücklegt die ihm zugemeßnen Meilen.

Die Zeit steht still. Wir sind es, die enteilen.



An mein Kind

Dir will ich meines Liebsten Augen geben

und seiner Seele flammenreines Glühn.

Ein Träumer wirst du sein und dennoch kühn

verschloßne Tore aus den Angeln heben.

Wirst ausziehn, das gelobte Glück zu schmieden.

Dein Weg ist frei. Denn aller Weisheit Schluß

bleibt doch zuletzt, daß jedermann hienieden

all seine Fehler selbst begehen muß.

Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren.

hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz.

Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:

Wer du auch seist, nur eines - sei es ganz!

Du bist, vergiß es nicht, von jenem Baume,

der ewig zweigte und nie Wurzel schlug.

Der Freheit Fackel leuchtet uns im Traume -

bewahr den Tropfen Öl im alten Krug!”