Test
Download document

BRÄKER, Ulrich



Der arme Mann im Tockenburg


XVII.

Verdruß und Ungemach.


Nicht daß lauter Lust beym Hirtenleben wäre. – Potz Tausend, Nein! Da giebt's Beschwerden genug. Für mich war's lang die empfindlichste, des Morgens so früh mein warmes Bettlin zu verlassen, und bloß und baarfuß ins kalte Feld zu marschiren, wenn's zumal einen baumstarken Reifen hatte, oder ein dicker Nebel über die Berge herabhieng. Wenn dann dieser gar so hoch gieng, daß ich ihm mit meiner bergansteigenden Heerde das Feld nicht abgewinnen, und keine Sonn' erreichen konnte, verwünscht' ich denselben in Aegypten hinein, und eilte was ich eilen konnte, aus dieser Finsterniß wieder in ein Thälchen hinab. Erhielt ich hingegen den Sieg, und gewann die Sonne und den hellen Himmel über mir, und das große Weltmeer von Nebeln, und hie und da einen hervorragenden Berg, wie eine Insel, unter meine Füsse – Was das dann für ein Stolz und eine Lust war! Da verließ ich den ganzen Tag die Berge nicht, und mein Aug konnt' sich nie satt schauen, wie die Sonnenstrahlen auf diesem Ocean spielten, und Wogen von Dünsten in den seltsamsten Figuren sich drauf herumtaumelten, bis sie gegen Abend mich wieder zu übersteigen drohten. Dann wünscht ich mir Jakobs Leiter; aber umsonst, ich mußte fort. Ich ward traurig, und alles stimmte in meiner Trauer ein. Einsame Vögel flatterten matt und mißmüthig über mir her, und die grossen Herbstfliegen sumsten mir so melancholisch um die Ohren, daß ich weinen mußte. Dann fror ich fast noch mehr als am frühen Morgen, und empfand Schmerzen an den Füssen, obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt' ich die meiste Zeit Wunden oder Beulen an ein Paar Gliedern; und wenn eine Blessur heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre; sprang entweder auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stück Haut an einem Zehen, oder hieb mir mit meinen Instrumenten ein's in die Finger. An's Verbinden war selten zu gedenken; und doch gieng's meist bald vorüber. – Die Geissen hiernächst machten mir, wie schon gesagt, Anfangs grossen Verdruß, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil ich ihnen nicht recht zu befehlen verstuhnd. – Ferner prügelte mich der Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete wo er mir befohlen hatte, und nur hinfuhr wo ich gern seyn mochte, und die Geissen dann nicht das rechte Bauchmaaß heimbrachten, oder er sonst ein loses Stücklein von mir erfuhr. – Dann hat ein Geißbub überhaupt viel von andern Leuthen zu leiden. Wer will aber einen Fasel Geissen immer so in Schranken halten, daß sie nicht etwa einem Nachbar in die Wiesen oder Waid gucken? Wer mit so viel lüsternen Thieren zwischen Korn- und Haberbrachen, Räb- und Kabisäckern durchfahren, daß keins kein Maulvoll versuchte? Da gieng's dann an ein Fluchen und Lamentiren: Bärnhäuter! Galgenvogel! waren meine gewöhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Axten, Prügeln und Hagstecken – einst gar einer mit einer Sense nach; der schwur, mir ein Bein vom Leib wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Füssen; und nie hat mich einer erwischen mögen. Die schuldigen Geissen wohl haben sie mir oft ertappt, und mit Arrest belegt; dann mußte mein Vater hin, und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab's Schläge. Etliche unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwärtig, und richteten mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich freylich: Wartet nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh' recht sind, so will ich Euch auch die Bückel salben. Aber man vergißt's; und das ist gut. Und dann hat das Sprüchwort doch auch seinen wahren Sinn: «Wer will ein Bidermann seyn und heissen, der hüt sich vor Dauben und Geissen.» – So giebt es also freylich dieser und anderer Widerwärtigkeiten genug in dem Hirtenstand. Aber die bösen Tage werden reichlich von den guten ersetzt, wo's dann gewiß keinem König so wohl ist.

…..