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HAUSHOFER, Albrecht



Die Wächter


Die Wächter, die man unsrer Haft gestellt,

Sind brave Burschen. Bäuerliches Blut,

Herausgerissen aus der Dörfer Hut

In eine fremde, nicht verstandne Welt.


Sie sprechen kaum. Nur ihre Augen fragen

Zuweilen stumm, als ob sie wissen wollten,

Was ihre Herzen nie erfahren sollten,

Die schwer an ihrer Heimat Schicksal tragen.


Sie kommen aus den östlichen Bereichen

Der Donau, die der Krieg schon ausgezehrt.

Ihr Stamm ist tot, ihr Hab und Gut verheert.


Noch warten sie vielleicht auf Lebenszeichen.

Sie dienen still. Gefangen — sind auch sie.

Ob sie’s begreifen? Morgen? Später? Nie?



Schuld


Ich trage leicht an dem, was das Gericht

mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen.

Verbrecher wär’ ich, hätt’ ich für das Morgen

des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht.


Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt,

ich mußte früher meine Pflicht erkennen,

ich mußte schärfer Unheil Unheil nennen –

mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt…


Ich klage mich in meinem Herzen an:

ich habe mein Gewissen lang betrogen,

ich hab mich selbst und andere belogen –


ich kannte früh des Jammers ganze Bahn –

ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar!

und heute weiß ich, was ich schuldig war…



Mutter


Ich sehe Dich in einer Kerze Licht

im Rahmen einer dunklen Pforte stehn.

Du spürst die Kühle von den Bergen wehn.

Du frierst ja, Mutter ... dennoch weichst Du nicht.


Du schaust mir nach, der in die Nacht enteilt,

in dunklen Schicksals ungewisse Frist,

mit einem Lächeln, das nur Weinen ist,

mit einem Schmerz, den kein Vertrauen heilt.


Ich sehe Dich in Deiner Liebe Licht,

im Zittern Deiner weißen Haare stehn.

Du spürst die große, dunkle Kühle wehn –


und langsam, langsam senkt sich Dein Gesicht.

Noch immer leuchtet fern der Kerze Schein –

Du frierst ja, Mutter ... Mutter – geh hinein ...



Untergang


Wie hört man leicht von fremden Untergängen,

wie trägt man schwer des eignen Volkes Fall!

Von fremden ist's ein ferner Widerhall,

im eignen ist's ein lautes Todesdrängen.


Ein Todesdrängen, aus dem Haß geboren,

in Rachetrotz und Übermut gezeugt –

nun wird vertilgt, gebrochen und gebeugt,

und auch das Beste geht im Sturz verloren.


Daß dieses Volk die Siege nicht ertrug –

die Mühlen Gottes haben schnell gemahlen.

Wie furchtbar muß es nun den Rausch bezahlen.


Es war so hart, als es die andern schlug,

so taub für seiner Opfer Todesklagen –

Wie mag es nun das Opfer-Sein ertragen …



Zeit


Ich träumte viel bei Nacht und viel bei Tag.

Die Zeit ist ohne Wert. Ich kann vergessen,

der Stunde wie der Woche Gang zu messen,

wenn ich mich nicht auf sie besinnen mag.


Doch wittern auch die Träume wohl die Zeit. -

Erwach ich dann im Dienstgeklirr der Schlüssel,

vom Mittagsruf nach meiner Suppenschüssel,

und raffe mich, zum Täglichen bereit:


Dann weiß ich, aus den Träumen aufgestört,

wie einer fühlt in seiner letzten Stunden,

der an ein ruderloses Boot gebunden,


den Fall des Niagara tosen hört.

Die Wasser schlagen an des Bootes Rand.

Sie strömen rasch. Gebunden - ist die Hand...



Die grossen Toten


Wenn sich das deutsche Schicksal ganz erfüllt:

Die Herren ohne Maß nur Knechte sind

und bleiben bis auf Kind und Kindeskind,

wenn alles winseln wird, was heute brüllt,


wenn alles kriechen wird in Schmutz und Pein,

und nichts mehr zeugt von echter Leidenschaft,

dann werden mit gewaltig strenger Kraft

die großen Toten ihre Sprecher sein.


Ein Kant, ein Bach, ein Goethe werden zeugen

noch lange für zerstörtes Volk und Land,

auch wenn die Menge nie den Sinn verstand.


Nie brauchen große Tote sich zu beugen

vor Aberwitz und Schmach. Ihr Geist besteht,

solang der Atem Gottes aus ihm weht.