Test
Download document















HEINE, Heinrich



Dein Angesicht so lieb und schön


Dein Angesicht so lieb und schön,

Das hab ich jüngst im Traum gesehn,

Es ist so mild und engelgleich,

Und doch so bleich, so schmerzenbleich.


Und nur die Lippen, die sind rot;

Bald aber küßt sie bleich der Tod.

Erlöschen wird das Himmelslicht,

Das aus den frommen Augen bricht.


Der Buhle Mond


Die Lotosblume ängstigt

Sich vor der Sonne Pracht,

Und mit gesenktem Haupte

Erwartet sie träumend die Nacht.

Der Mond, der ist ihr Buhle

Er weckt sie mit seinem Licht,

Und ihm entschleiert sie freundlich

Ihr frommes Blumengesicht.

Sie blüht und glüht und leuchtet,

Und starret stumm in die Höh;

Sie duftet und weinet und zittert

Vor Liebe und Liebesweh.


Ein Fichtenbaum steht einsam


Ein Fichtenbaum steht einsam

Im Norden auf kahler Höh’.

Ihn schläfert; mit weißer Decke

Umhüllen ihn Eis und Schnee.

Er träumt von einer Palme,

Die, fern im Morgenland,

Einsam und schweigend trauert

Auf brennender Felsenwand


Die Welt ist dumm, die Welt ist blind


Die Welt ist dumm, die Welt ist blind,

Wird täglich abgeschmackter!

Sie spricht von dir, mein schönes Kind:

Du hast keinen guten Charakter.

Die Welt ist dumm, die Welt ist blind,

Und dich wird sie immer verkennen;

Sie weiß nicht, wie süß deine Küsse sind,

Und wie sie beseligend brennen.



Warum sind denn die Rosen so blaß

Warum sind denn die Rosen so blaß,

O sprich, mein Lieb, warum?

Warum sind denn im grünen Gras

Die blauen Veilchen so stumm?

Warum singt denn mit so kläglichem Laut

Die Lerche in der Luft?

Warum steigt denn aus dem Balsamkraut

Hervor ein Leichenduft?

Warum scheint denn die Sonn' auf die Au

So kalt und verdrießlich herab?

Warum ist denn die Erde so grau

Und öde wie ein Grab?


Warum bin ich selbst so krank und so trüb,

Mein liebes Liebchen, sprich?

O sprich, mein herzallerliebstes Lieb,

Warum verließest du mich?


Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere

Und seufzte lang und bang,

Es rührte sie so sehre

Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,

Das ist ein altes Stück;

Hier vorne geht sie unter

Und kehrt von hinten zurück


Die Lorelei

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
daß ich so traurig bin;
ein Märchen aus uralten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn;
die Luft ist kühl und es dunkelt
und ruhig fließt der Rhein;
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein

Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar;
ihr goldnes Geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr goldnes Haar
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
und singt ein Lied dabei,
das hat ein wundersame,
gewaltige Melodei

Den Schiffer im kleinen Schiffe

Ergreift es mit wildem Weh;

Er schaut nicht die Felsenriffe,

Er schat nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Welllen verschlingen

Am Ende Schiffer und Kahn;

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lorelei getan.


Die Schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt -
Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschiessen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!


Vergiftet sind meine Lieder

Vergiftet sind meine Lieder; -

Wie könnt es anders sein?

Du hast mir ja Gift gegossen

Ins blühende Leben hinein.

Vergiftet sind meine Lieder; -

Wie könnt es anders sein?

Ich trage im Herzen viel Schlangen,

Und dich, Geliebte mein.


Wandere!

Wenn dich ein Weib verraten hat,
So liebe flink eine Andre;
Noch besser wär es, du ließest die Stadt -
Schnüre den Ranzen und wandre!

Du findest bald einen blauen See,
Umringt von Trauerweiden;
Hier weinst du aus dein kleines Weh
Und deine engen Leiden.

Wenn du den steilen Berg ersteigst,
Wirst du beträchtlich ächzen;
Doch wenn du den felsigen Gipfel erreichst,
Hörst du die Adler krächzen.

Dort wirst du selbst ein Adler fast,
Du bist wie neugeboren,
Du fühlst dich frei, du fühlst: du hast
Dort unten nicht viel verloren.


Du bist wie eine Blume

Du bist wie eine Blume

so hold und schön und rein;

ich schau' dich an, und Wehmut

schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände

aufs Haupt dir legen sollt',

betend, daß Gott dich erhalte

so rein und schön und hold.


Nachtgedanken

Denk ich an Deutschland in der Nacht,

Dann bin ich um den Schlaf gebracht,

Ich kann nicht mehr die Augen schließen,

Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!

Seit ich die Mutter nicht gesehn,

Zwölf Jahre sind schon hingegangen;

Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.

Die alte Frau hat mich behext,

Ich denke immer an die alte,

Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,

Und in den Briefen, die sie schrieb,

Seh ich, wie ihre Hand gezittert,

Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.

Zwölf lange Jahre flossen hin,

Zwölf lange Jahre sind verflossen,

Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,

Es ist ein kerngesundes Land,

Mit seinen Eichen, seinen Linden,

Werd' ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,

Wenn nicht die Mutter dorten wär;

Das Vaterland wird nie verderben,

Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,

So viele sanken dort ins Grab,

Die ich geliebt -- wenn ich sie zähle,

So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich -- Mit der Zahl

Schwillt immer höher meine Qual;

Mir ist, als wälzten sich die Leichen,

Auf meine Brust -- Gottlob! Sie weichen!

Gottlob! Durch meine Fenster bricht

Französisch heitres Tageslicht;

Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen

Und lächelt fort die deutschen Sorgen.


Sie haben heut abend Gesellschaft


Sie haben heut abend Gesellschaft,

Und das Haus ist lichterfüllt.

Dort oben am hellen Fenster

Bewegt sich ein Schattenbild.


Du schaust mich nicht, im Dunkeln

Steh ich hier unten allein;

Noch wen'ger kannst du schauen

In mein dunkles Herz hinein.


Mein dunkles Herze liebt dich,

Es liebt dich und es bricht,

Und bricht und zuckt und verblutet,

Aber du siehst es nicht.


Der Asra


Täglich ging die wunderschöne

Sultantochter auf und nieder

um die Abendzeit am Springbrunn,

wo die weißen Wasser plätschern.


Täglich stand der junge Sklave

um die Abendzeit am Springbrunn,

wo die weißen Wasser plätschern,

täglich ward er bleich und bleicher.


Eines Abends trat die Fürstin

auf ihn zu mit raschen Worten:

»Deinen Namen will ich wissen,

deine Heimath, deine Sippschaft.«


Und der Sklave sprach: »Ich heiße Mohamet

und bin aus Yemen,

und mein Stamm sind jene Asra,

welche sterben, wenn sie lieben.


Wie langsam kriechet sie dahin


Wie langsam kriechet sie dahin,

Die Zeit, die schauderhafte Schnecke!

Ich aber, ganz bewegungslos

Blieb ich hier auf demselben Flecke.


In meine dunkle Zelle dringt

Kein Sonnenstrahl, kein Hoffnungsschimmer,

Ich weiß, nur mit der Kirchhofsgruft

Vertausch ich dies fatale Zimmer.


Vielleicht bin ich gestorben längst;

Es sind vielleicht nur Spukgestalten

Die Phantasieen, die des Nachts

Im Hirn den bunten Umzug halten.


Es mögen wohl Gespenster sein,

Altheidnisch göttlichen Gelichters;

Sie wählen gern zum Tummelplatz

Den Schädel eines toten Dichters. -


Die schaurig süßen Orgia,

Das nächtlich tolle Geistertreiben,

Sucht des Poeten Leichenhand

Manchmal am Morgen aufzuschreiben.


Die Grenadiere


Nach Frankreich zogen zwei Grenadier’,

Die waren in Rußland gefangen.

Und als sie kamen ins deutsche Quartier,

Sie ließen die Köpfe hangen.


Da hörten sie beide die traurige Mär :

Daß Frankreich verloren gegangen,

Besiegt und zerschlagen das tapfere Heer, –

Und der Kaiser, der Kaiser gefangen.


Da weinten zusammen die Grenadier’

Wohl ob der kläglichen Kunde.

Der eine sprach : Wie weh wird mir,

Wie brennt meine alte Wunde !


Der Andre sprach : das Lied ist aus,

Auch ich möcht mit dir sterben,

Doch hab’ ich Weib und Kind zu Haus,

Die ohne mich verderben.


Was scheert mich Weib, was scheert mich Kind,

Ich trage weit bess’res Verlangen ;

Laß sie betteln gehn wenn sie hungrig sind, –

Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen !


Gewähr’ mir Bruder eine Bitt’ :

Wenn ich jetzt sterben werde,

So nimm meine Leiche nach Frankreich mit,

Begrab’ mich in Frankreichs Erde.


Das Ehrenkreuz am rothen Band

Sollst du aufs Herz mir legen ;

Die Flinte gieb mir in die Hand,

Und gürt’ mir um den Degen.


So will ich liegen und horchen still,

Wie eine Schildwacht, im Grabe,

Bis einst ich höre Kanonengebrüll,

Und wiehernder Rosse Getrabe.


Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab,

Viel Schwerter klirren und blitzen ;

Dann steig’ ich gewaffnet hervor aus dem Grab –

Den Kaiser, den Kaiser zu schützen.