NICK, Dagmar
Zerbrochene Sanduhr
Außer Kraft gesetzt
die geordnete Zeit.
Die Tage haben die Namen
abgelegt, Herkunft und
Künftiges. Verfallene Ziffern.
Deine Briefe bleiben
von jetzt an undatiert,
im zerknitterten Licht
die Botschaft unlesbar.
In dieser Handvoll Sand:
ein paar Scherben, konkave
Verspiegelung, der Abdruck
einer zerrissenen Lebenslinie.
Bis der Wind kommt
Krakau, deine Gräber
Der Anspruch der Ewigkeit
noch im Verlust. Wir schreiten
über die Gräber hinweg, den
Griff des Efeus am Knöchel, lagern
uns zwischen die Steine, entziffern
die Namen und rufen sie auf,
wir hören die Antwort
der Vögel, eine andere Sprache,
keine Trauer in dieser Welt
verschütteten Schicksals, wir tasten
über die zeitverschleierten Zeichen
und ahnen, daß nichts
so lebendig ist wie die Toten.
Unter Brüdern
Hypnos, mein störrischer
Freund, der mich zappeln läßt,
wenn ich ihn brauche, der
mich rätseln läßt, wo er
die Träume versteckt, die Quelle,
der sie entstammen im Refugium
hinter der Stirn, wie er sie lenkt,
diese zirzensischen Späße, wie er
mich ablenkt, um seinen Bruder
nicht zu erkennen, der doch
neben mir steht in erzenen Schuhen
seit meiner Geburtsnacht, ein
Fremdkörper neben dem meinen
So nah und so unbegreiflich
Freiheit
Ja, ich geb dir die Sporen,
meine Schenkel an deinen Flanken.
Diesen Druck ertragen wir
beide. Aber die Trense, die
nehm ich dir aus den Zähnen.
Sie hindert beim Küssen und
du sollst wissen,
wie frei du bist.
Mißverständnis
Einer kam und sagte,
er sei nicht gekommen
den Frieden zu bringen,
sondern das Schwert.
Wir folgten ihm
aufs Wort.
Das war nicht sein Fehler.
Gegen Abend
Wo du sein solltest, jetzt,
deine Wärme auf meiner Haut,
wachsen mir Winterkristalle
mitten im Juli. Alle Erfahrung
lehrt mich, daß Wiederholungen
sterblich sind. Was erwarte ich
noch? Den Abend. Das Spektakel
der Stare in ihrem Schlafbaum,
den sie verteidigen gegen mich,
die ich doch nur ihre Nähe will,
insgeheim auch die Möglichkeit,
morgen mit ihnen zu fliegen.
Fazit
So tot, wie du scheinst,
bist du das Einzige,
was noch lebt in mir;
öffne das Schloß, deine,
unsre Verriegelung,
blättre mich auf: zwischen
allen Seiten, von Komma
zu Komma, bist du zu finden,
mein Lebensgeschenk.
Wie sollte ich dich nicht lieben,
so tot, wie du bist.
Vita
Durch alle Feuer gegangen, auch
durch die Explosionen der Liebe
und anderer Versuchungen
ohne Verlust.
Bei den Glutnestern Wache gestanden,
bis sie erkaltet waren, und die Asche
mit unseren Initialen markiert,
bevor sie zerstob.
Es gab nichts zu bereuen und
nichts zu bedauern. Und wenn
die nächsten Scharmützel
auf den Vulkanen begännen –
ich wäre dabei.
Zeitlos
Nur noch der Raum,
die ermeßliche Ferne, während
die Zeit bereits aufgelöst
scheint, eine zersetzte Essenz
aus einem Jahrhundert, in dem
wir verschwanden.
Kein Warten mehr, keine Gewißheit
eines anderen Morgens, zeit-
loses Erwachen und Schlafen und
die hämmernde Angst, unversehens
die Wand des Vakuums
zu berühren.
Treibjagd
Spätsommer, dieses Gespür
von Abschied voraus.
Hinter dir fällt schon die Tür
ins beschattete Haus.
Wind, der die Weite durchmißt:
deine Wege von morgen.
Was du verloren hast, ist
aufs neue zu borgen.
Bis der Herbststurm erwacht,
magst du noch draußen zelten,
die Schüsse während der Nacht
brauchen nicht dir zu gelten.
Fuchsfallen, im Acker getarnt,
findest du blind.
Erst wenn der Häher dich warnt,
weißt du: die Treibjagd beginnt.
Vision
De Städte werden Asche sein,
das Land ein nackter Schattenriss.
Die Städte werden Asche sein,
und zögernd wird der Feuerschein
ersticken zwischen dem Gebein
der schweigenden Nekropolis.
Die Toten werden auferstehn
aus Erde, Rauch und Meeresschaum.
Die Toten werden auferstehn
und durch die leeren Räume gehn,
als wäre alles, was geschehn,
ein Traum.
Letzte Bilder
Die Gewitterwand und der Stau
der vertrauten Bilder dahinter
samt den Schamanen mit ihren
abgenutzten Beschwörungsformeln.
Kein Innehalten im Näherrücken
des Undurchschaubaren.
Der erwartete Scherwind, der dich
beiseite fegt wie ein Papier,
das du beschriften wolltest.
Es war schön hier.
Ich werde vergessen.
Flucht
Weiter. Weiter. Drüben schreit ein Kind.
Laß es liegen, es ist halb zerrissen.
Häuser schwanken müde wie Kulissen
durch den Wind.
Irgendjemand legt mir seine Hand
in die meine, zieht mich fort und zittert.
Sein Gesicht ist wie Papier zerknittert,
unbekannt.
Ob Du auch so um dein Leben bangst?
Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein Leben,
nur noch Angst.
Nachtwache
Ich will nicht deine Träume stören.
Die stummen Nächte bleiben dein.
Ich will nur deine Atemzüge hören
und bei dir sein.
Und wachen, weil des Mondes Schimmer
dein Antlitz ganz veränderte,
weil kaltes Licht das fremd gewordne Zimmer
umränderte.
Und warten, bis ein Stern zersplittert
und hinter deine Stirne fällt.
Erwache nicht: Es ist mein Herz, das zittert,
weil es dich hält.
Geh über Nacht
Schlage die Tür zu
und vergrabe den Schlüssel
in keiner Erinnerung.
Nimm keinen Abschied.
Du hast deine Hoffnung
getränkt mit Galle:
jetzt steht der Schierling
mannshoch.
Schlage den Weg ein,
den du vergessen wirst.
Geh über Nacht.
Nimm Aufenthalt,
wo du nicht bleiben wirst,
decke dich zu
mit dem Schatten der Sterne.
Gib keine Antwort
Abschiede
Auch die Abschiede werden jetzt leichter,
als wären sie nicht so gemeint.
Horizonte voll unerreichter
Hoffnungen - weggeweint.
Dein Winken zurückgeworfen.
Deine Hände versinken im Meer.
Kein Anker für meine amorphen
Träume der Wiederkehr.
Abschiede. Nirgends war Dauer.
Schon zerrieselt dein Aschengesicht.
Am Ende ist auch die Trauer
ohne Gewicht.