BIENEK, Horst
Jede Straße führt in die Kindheit
Jede Straße führt in die Kindheit
aber ich weiß
die Bergwerkstraße
führt zu den Sternen
am letzten Tag
werd ich dich wiederfinden
Wörter
Wörter
meine Fallschirme
mit euch
springe
ich
ab
Ich fürchte nicht die Tiefe
wer euch richtig
öffnet
Schwebt
Gartenfest
Spät in der Nacht
wenn die Kerzen
in den Lampions abgebrannt sind
wenn die aufgehängten Gesichter
im Dunkel verschwinden
die Musiker mit dem Bus weggefahren sind
die Kellner die Tische abräumen
und die leeren Worthülsen zusammenkehren
wenn die letzten Grillfeuer erlöschen
Stürzen lautlos gefällt
im Park die Bäume
Schatten füllt die Gläser
der Zurückgebliebenen
wir trinken daraus
Gelächter steigt in uns auf
wir gehn ein paar Schritte
wir tanzen
Verwundert schaun die Lebenden uns zu
Was dich verwandelt
Was dich verwandelt,
Vielleicht ist es dies:
Wind, Gras, Meer oder Sand,
Oder das Paradies,
Geritzt in die Felsenwand,
Aus dem dich verwies
Eine gekreuzigte Hand?
Ob dich verwandelt
Thessalisches Land,
Das dir ein Traum verhiess
Oder das Goldene Vlies,
Das sich deine Auge erfand?
Oder verwandelt
Dich, todumpspannt,
Der dich trommelnd pries
Oder der unerkannt
Das Messer ins Herz dir stiess?
Oder verwandelt
Sich erst dein Leib,
Da dich der Atem verliess?
Wenn man stirbt
Du wirst bald sterben.
Der Regen fällt schon dichter.
Vogelzüge stürzen
Im Zick-Zack in die Leere.
An den Brücken
Sind die Kontrollen verstärkt.
Ins Trommelfell
Werden signale eingebaut.
Alle wohnungen
Sind ohne Türen.
Der Regen fällt schon dichter.
Nur die Nacht lässt noch
Auf sich warten,
Sie sucht nach ihrem
Dunkelsten Gewand. –
Du wirst bald sterben.
Berlin, Chaussestraße 125 *
Man muß die Schuhe abstreifen,
noch einmal, bevor man eintreten darf.
Der strenge Blick der Aufseherin,
die auch in Bautzen
Dienst tun könnte. Wer fünf Minuten
später kommt, wird nicht mehr eingelassen.
Überhaupt, nur Gruppenführungen. Im Kollektiv.
Dann: die Räume,
aus denen die Zeit entflohen ist.
Hier also hat er gelebt. Hier also
soll er geschrieben haben. Briefe.
Die Bearbeitung des Coriolan. Nichts
Neues mehr. Die Elegien in Buckow, draußen,
unter Sandkiefern.
Dämmerlicht, von einem Raum zum andern.
– Wo er doch die Klarheit liebte!
Der wuchtige Schreibtisch, leer,
kahl, abweisend. Das Holz ist das einzige,
was hier noch atmet.
Leben des Galilei schrieb er auf den Knien
in engen, stickigen Hotelzimmern.
Früher ging der Blick auf den
Dorotheenstädtischen Friedhof. Hegels Grab.
Fichtes Gedenkstein. Früher.
Jetzt verwehrt das eine dicke graue Gardine.
Aus konservatorischen Gründen, sagt die
Aufseherin. Aus was?
Nichts erinnert an ihn. Nicht einmal
die amerikanischen Krimis, oben im Regal,
die er gelesen haben soll.
Nur im Schlafzimmer seine Mütze, die schwarze,
verschwitzte, am Haken, hinter der Tür,
beweist, daß er einmal hier gewesen ist.
* Bertolt BRECHT-haus