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FAUSER, Jörg



Trotzki, Goethe und das Glück


KREUZBERG


Die Trödler räumen die Nachlässe aus

Es riecht nach Kebab, Schnaps und Tod

Und jeder wacht morgens doch lieber auf

Und kämpft um das tägliche Brot

Im Sommer hocken sie vor den Häusern

Und warten, daß etwas geschieht

Menschen, die schon lang gewartet haben

Auf etwas, das uns allen blüht


Kreuzberg liegt im Westen von Berlin

Berlin liegt im Osten von Babylon

Es steht auf allen Mauern geschrieben:

Was andre kriegen, das war hier schon


Hier bleibt das Leben, was es immer war

Es hat ein vertrautes Gesicht

Die Toten loben die Dunkelheit

Die Lebenden brauchen mehr Licht


In tausend Kneipen dröhnt der alte Beat

Die Hunde kriegen auch ihr Bier

Dann wanken sie zusammen durch die Nacht

Mann, Frau, Vergangenheit und Tier


Kreuzberg liegt im Westen von Berlin

liegt im Osten von Babylon

Es steht auf allen Mauern geschrieben:

Was andre kriegen, das war hier schon



Zu den Fragen der Zeit


Mir geht’s wie euch, zu den Fragen

der Zeit fällt mir auch nur mehr Unsinn ein,

aber ich hoffe, es gibt in der Leipziger Straße,

in Frankfurt, an der Bockenheimer Warte,

noch die Imbissstube, wo ich oft

mit meinen Freunden, den Nachtwächtern

und Schlafwandlern hockte und über Bier

und Fritten die Frage erörterte,

ob Durutti den tödlichen Schuss nicht

doch in den Rücken gekriegt hat, und so viel

ich noch weiß, wurden wir uns nie

einig, und vielleicht spielt es auch

wirklich keine Rolle mehr,

aber da gab es immer ein paar

bediente Mädchen, man musste nur

aufpassen, dass man keinem von den harten

Jungs mit dem weichen Leder in die Quere

kam, aber sonst war da oft eine gute

Stimmung, viel Bier, viel Gelächter,

und noch spät nachts eine saftige

Wurst und immer die neusten Platten

in der Box und um die Ecke die neuste

Basisarbeit der Studenten, besetzte Häuser,

in denen man manchmal unsäglich fror

aber fast nie allein im Bett lag,

und wenn man morgens um drei noch

Hunger hatte, und wie oft hatten wir den,

gab es genug Eierautomaten in der Gegend

die man knacken konnte, einfach

mit dem Stein drauf und die Eier raus

und gerannt, und dann wieder die seltsam

friedlichen Stunden am Wasserhäuschen, wenn man

glaubte, das Leben läuft rückwärts, und die Welt

wie eine Flocke Eigelb war, so leicht,

so sanft, mit dem grünen Laub und den

Mädchen, die man für ihr Lächeln liebte,

und die Fragen der Zeit so klar

wie der Schluck Wasser für einen durstigen

Freund …


Samstag im Siechenheim


Jeden Samstag mittag passierte dasselbe:

der alte Tom Bradley, ungefähr 85, ehemaliger

Schmied und Mittelstürmer beim FC Watford,

ein Brocken von Kerl und noch lang nicht am Ende,

schob sich in seiner Falle hoch wie ’n Eisberg aus der See,

schmiß seinen Teller Grütze in die Ecke,

Kissen hinterher, rüttelte an dem Eisengitter

das Harvey und ich an seinem Bett befestigen mußten,

und brüllte:

Laßt mich raus, Jungs! Laßt mich aufs Feld, ihr

Hurenböcke!


Es war Punkt halb vier und im Stadion pfiff der Schiedsrichter

das Spiel an und Tom Bradley, Mittelstürmer

der Bezirksmeistermannschaft von 1907, mußte raus

um sein Tor zu machen,


und der ganze Saal im Siechenheim, dreißig Mann,

die Depperten und Ausgepowerten,

die Maroden und unheilbaren Fälle von Delirium tremens

und Krebs und Zucker und Schlagfluß und Wahnsinn,

die Pferdenarren die keine Wette mehr machten

und die Säufer die kein Glas mehr kippten

und die Arbeitslosen die keine Arbeit mehr brauchten,

die Toten, die noch zehn Jahre krepieren würden

und die Lebenden die ihren letzten Schnaufer machten,

alle feuerten Tom Bradley an:

Los, Tom, gib ihnen Saures! Gibs den Waschlappen!

Ran an den Ball! Schaff dich! Go go go!


Der ganze Saal tobte jeden Samstag halb vier,

Watford verlor todsicher und wir waren schuld,

der Nigger-Arzt und Harvey, das Oberpfleger-Arschloch

und ich, obwohl ich ja kein Limey war und schon deshalb

nichts von Fußball verstand, und wir mußten das Gitter

abschrauben und Tom seinen Bademantel überziehn und

ihn ins Bad verfrachten, bis die Jungs ihn vergaßen,

während er in der Wanne grunzte und ich seine Schrunden

schrubbte und er mit seinem gichtigen Pimmel spielte

als ob er ihn das erste Mal sehn würde,

und nach der Schicht nach Hause, die Stones hatten einen neuen Hit

rausgebracht, »Under my thumb«, zum Abendessen gabs

Hammelbraten mit Bohnen und Stellas Alter

saß mit vergrätztem Gesicht in der Küche,

»was ’n los« –

»die Kaffer ham schon wieder verloren« –

shit, ich packte Stella und machte, daß ich da rauskam.



Berlin, Paris, New York


Ich habe grosse Städte gesehen

und habe die grossen Städte immer geliebt,

ihre Frauen, ihre Bars, ihre

Dämmerungen vor dem Gebrüll

der Maschinen und dem Sturm

auf die Bastille


Berlin, Paris, New York,

eine Straßenecke in Schöneberg

erregt mich tiefer

als der Schnee

auf dem Mont Blanc

oder die Wälder

im Untertaunus,


ich habe die Schönheit gesehen

von grossen Städten, den Glanz

ihrer Avenuen, das Elend

der Massen und die Vernichtung

von Einzeln,


ich habe die Grossen Städte geliebt

und ich liebe sie auch

in ihrem Verfall,


es sind nicht die grossen Städte,

die die Menschen zerstören,

sondern die Gesetze,

die das Menschliche nicht formen,

sondern ersticken,


ich wurde von den großen Städten geformt,

was ich sah, was ich litt, was ich wurde

verdanke ich einer Mutter aus Stein,

der großen Stadt,

und morgen, wenn meine Zeit vorbei ist,

wird es die große Stadt sein

die mich begräbt.


Der Anfang


Der Anfang kommt, wenn du wieder allein bist

Die Häuser sind dann dunkler als Höhlen

Und die Straße ist länger als das Leben

Und die Stadt ist größer als die Welt


Der Anfang ist eine Rose auf dem Pflaster

Der Anfang ist der Nebel überm Asphalt

Der Anfang der Liebe ist das Wort ich

Der Anfang der Liebe ist Angst


Der Anfang ist ein rostiges Messer

Der Anfang ist eine offene Wunde

Der Anfang ist eine Wölfin und wenn du kein Wolf bist

Dann ist die Stunde des Anfangs schon die Stunde des

Endes


Der Anfang kommt, wenn du wieder allein bist

Deine Angst ist dein zweiter Schatten

Deine Liebe ist dein zweites Leben

Und die Nacht ist plötzlich weiter als die Welt



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Staub wächst nach,

durch die offenen Fenster

wirft der Wind ein paar Sterne,

und der Mond leuchtet wie von Sinnen

durch das Flachszelt

des herbstlichen Himmels.



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Liebesgedicht


Als wir uns liebten,

liebten wir uns selbst nicht


Als wir uns den Krieg erklärten,

gaben wir uns schon verloren.


Als wir geschlagen waren,

bemühten wir die Geschichte


Als wir allein waren,

übertönten wir sie mit Musik.


Als wir uns trennten,

blieben wir am gleichen Ort.


So lagen wir uns bald wieder in den Armen

und nannten es ein Liebesgedicht,


aber kein Liebesgedicht erklärt uns

die Angst vor der Liebe,


und warum der Himmel so blau war

als wir uns trafen,


und warum er immer noch blau sein wird

wenn wir sterben werden,


du für dich,

ich für mich.



Zu den Fragen der Zeit


Mir geht’s wie euch, zu den Fragen

der Zeit fällt mir auch nur mehr Unsinn ein,

aber ich hoffe, es gibt in der Leipziger Straße,

in Frankfurt, an der Bockenheimer Warte,

noch die Imbissstube, wo ich oft

mit meinen Freunden, den Nachtwächtern

und Schlafwandlern hockte und über Bier

und Fritten die Frage erörterte,

ob Durutti den tödlichen Schuss nicht

doch in den Rücken gekriegt hat, und so viel

ich noch weiß, wurden wir uns nie

einig, und vielleicht spielt es auch

wirklich keine Rolle mehr,

aber da gab es immer ein paar

bediente Mädchen, man musste nur

aufpassen, dass man keinem von den harten

Jungs mit dem weichen Leder in die Quere

kam, aber sonst war da oft eine gute

Stimmung, viel Bier, viel Gelächter,

und noch spät nachts eine saftige

Wurst und immer die neusten Platten

in der Box und um die Ecke die neuste

Basisarbeit der Studenten, besetzte Häuser,

in denen man manchmal unsäglich fror

aber fast nie allein im Bett lag,

und wenn man morgens um drei noch

Hunger hatte, und wie oft hatten wir den,

gab es genug Eierautomaten in der Gegend

die man knacken konnte, einfach

mit dem Stein drauf und die Eier raus

und gerannt, und dann wieder die seltsam

friedlichen Stunden am Wasserhäuschen, wenn man

glaubte, das Leben läuft rückwärts, und die Welt

wie eine Flocke Eigelb war, so leicht,

so sanft, mit dem grünen Laub und den

Mädchen, die man für ihr Lächeln liebte,

und die Fragen der Zeit so klar

wie der Schluck Wasser für einen durstigen

Freund …



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…..
gib es den Männern zurück

die das schmutzige Futter,

das überschüssige Fleisch,

der Abfall der Erde sind,

gib es mir zurück heute Nacht

jetzt wenn ich auf dir liege,

deine geborgte Zeit,

den verschwendeten Saft –

das Leben …

…..


Ein Bier mit Bukowski


Das nächste Bier ist todsicher das Bier

zu viel, und während ich darauf warte

und schon spüre, wie der Schnaps die Nieren

zersetzt, mach ich schnell die Augen auf.


Was für einen Arsch die Frau an der Theke hat.

Die poröse Zunge der Fernsehansagerin.

Desaster im »Schmalen Handtuch«.

Desaster mit Krätze und Korn

und Ratten am Sack.

Desaster fürs Fleisch,

der Saft ging daneben,

die Perücke rutschte ins Ketchup,

sie ließ das Glas fallen,

dann sich selbst:

»Euch hab ich alle gefressen.«


Langsam das Bier aussüffeln und langsam

nach draußen gehen, langsam wie die Würmer

aus dem After kriechen, die Tellerminen

sind uns längst so egal

wie das Feuilleton.

Alles in Ordnung mit deiner Menschheit,

alles ganz klar;

wenns in der Hose feucht wird, gibt’s

drei Möglichkeiten:

Pisse, Blut oder kalter Bauer.


Such dir was raus.