KROCKOW, Christian Graf von
Die Reise nach Pommern
…..
Schnell also ist man am Bismarckplatz. Eigentlich ein kleiner Park, mit Springbrunnen, Bänken, mit Blumen, Büschen und Bäumen. An der einen Seite hat der Zahnarzt Dr. Salomon sein Haus. Hier müssen die Zähne gerichtet, mit Spangen versehen werden, »damit sie sıch nicht erkälten«. Eine schlimme Geschichte. Angst. Doch die Mutter bringt darüber hinweg; sie beweist, daß es sich um keinen gewöhnlichen Zahnarzt handelt. Denn das steht schon in der Bibel, daß Salomo der weiseste aller Könige war. »Aber der war doch sehr reich?« »Ja, natürlich, frage Dr. Salomon nur; er hat in der Lotterie das große Los gewonnen.«
Auf der anderen Seite ein wirklicher Schrecken: die Großmutter, die »die Eiserne« genannt wird. Stocksteif und steinalt ist sie, Jahrgang 1851. Sie sagt: »Komm, mein Kind, wir gehen einkaufen.« Eine Stunde dauert es, Tücher, Stoffe werden entrollt; der halbe Laden gerät aus den Fugen. Dann: »Komm, mein Kind, hier gibt es überhaupt nichts Ordentliches.« Und der schwitzende Ladenbesitzer dienert noch: »Auf Wiedersehen, Frau Gräfin, beehren Sie uns wieder.« Nein, nie, nie wieder. Gottlob handelt es sich um seltene Pflichtbesuche.
Die Straßenbahn schwenkt nach rechts: Kaufmannswall, links das Café Reinhardt mit der Reinhardt-Diele, Treffpunkt des Schicks. Voraus der Stephansplatz, riesig und leer, eigentlich viel zu groß, Heinrich von Stephan zu Ehren, dem Sohn der Stadt, Organisator des modernen Postwesens, Erfinder der Postkarte und des Weltpostvereins. Freilich, Geschäft ist Geschäft und Stephan lange schon tot. Darum prangt nicht er auf dem Poststempel, sondern: »Die Stadt des Stolper Jungchen.« Das ist ein Käse, ein Camembert; 1928 wurden davon 4 427 544 Stück hergestellt.
Auf der einen Seite des Platzes das Kaufhaus Zeeck, vier Stockwerke. Und mit einem leibhaftigen Fahrstuhl, mit dem man auf- und niederschweben kann, beim Sprechgesang des Fahrstuhlführers: »Bettwäsche, Herren- und Damenbekleidung, Trikotagen« .
…..
Schmaatz — Schwuchow - Karzin. Karzin! Hier lebt die Großmutter, die andere, mütterliche, die zu allem so herrlich zu gebrauchen ist, ob zum Schmieden treffsicherer UzVerse oder dazu, daß sie, die Siebzigjährige, dem stolpernden Enkel die Eleganz auf Schlittschuhen vorführt. »Frau Liebe« nennt sie jeder. Das ist sie. Und so wird das Dienstzeugnis für eine Erzieherin geschrieben: »Frl. Edith Wichmann ist uns in diesen 1
3/4
Jahren ein so liebes Familienglied geworden, hat sich unser Vertrauen, die Liebe ihrer Zöglinge und die Freundschaft meiner erwachsenen Tochter in so hohem Grade erworben, daß wir sie tief bewegten Herzensscheiden sehen und ihr die innigsten Wünsche für ihren demnächst zu beginnenden Ehestand mitgeben.”
…..