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MITTERER, Erika


Nicht für immer


Wenn ich, Fremder, wirklich dir gefalle,

stell dich heute abend bei mir ein.

Ich hab Pflichten, ich versäum sie alle –

denn es wird ja nicht für immer sein.


Sage deiner Frau, du gingst spazieren,

Kopfweh macht das Frühjahr, red ihr ein.

Fürchte nicht, du könntest sie verlieren –

denn es soll ja nicht für immer sein!


Nicht sehr lang wird uns der Lenz betören.

Aber für heut abend kauf ich Wein;

heute abend will ich dir gehören!

Und es muß ja nicht für immer sein …



O bilde mich wie einen Klumpen Ton


O bilde mich wie einen Klumpen Ton,

vergiß, daß ich schon je Gestalt besaß,

ball mich zusammen, daß kein Merkmal von

dem Gestern spricht, das gerne ich vergaß.


Ich will Dich schauen, wie die Blumen frühe

die Welt besehn: erstaunt und doch verwandt;

und dennoch Feuer sein! Denn sieh: ich glühe,

und glühe rot Dich an, geliebtes Land.


Doch willst Du, daß ich sei, so wisse: ganz

bin ich nur eins, und dies in seltnen Stunden:

die Sich-Verlierende, die sich im Glanz

von fremden Sonnen strahlender erfunden.


Die Sich-Verschweigende, die gern Erkannte,

die Selige, die sich zu früh ergab;

die beinah Wankende, der die verwandte

trostreiche Stimme Berg zugleich und Stab.


Einem Dichter (Rilke)


Verschwiegnen Klanges einen Bronnen tief

Hast aus dem Meer der Schönheit du gerettet

Du, nach dem lange Gottes Stimme rief

Hast Licht an Nacht und Nacht an Licht gekettet


Was andre säten und was niemals sie

Geerntet haben, weil sie müde waren –

Du hattest Zeit und du versagtest nie

Und hast des Erntens schwere Lust erfahren


Die Früchte reifen nun in unserm Schoße

In den du, uns vertrauend sie gesenkt ….

– – – Und wir begreifen jetzt die übergroße

Tiefheilge Liebe, die uns Gott geschenkt.