KOLMAR, Gertrud



Die Dichterin


Du hältst mich in den Händen ganz und gar.


Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt

In deiner Faust. Der du dies liest, gib acht;

Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.

Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,


Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm

Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,

Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,

Und ist ein Ding und hat ein Dinggeschick.


Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,

Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,

Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn

Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,


Und bebt und weiß und flüstert vor sich hin:

»Dies wird nicht sein.« Und nickt dir lächelnd zu.

Wer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?

Ihr ganzes Treiben ist ein einzig: »Du ...«


Mit schwarzen Blumen, mit gemalter Brau',

Mit Silberketten, Seiden, blaubesternt.

Sie wusste manches Schönere als Kind

Und hat das schönre andre Wort verlernt. -


Der Mann ist soviel klüger, als wir sind.

In seinen Reden unterhält er sich

Mit Tod und Frühling, Eisenwerk und Zeit;

Ich sage: »Du ...« und immer: »Du und ich.«


Und dieses Buch ist eines Mädchens Kleid,

Das reich und rot sein mag und ärmlich fahl,

Und immer unter liebem Finger nur

Zerknittern dulden will, Befleckung, Mal.


So steh' ich, weisend, was mir widerfuhr;

Denn harte Lauge hat es wohl gebleicht,

Doch keine hat es gänzlich ausgespült.

So ruf ich dich. Mein Ruf ist dünn und leicht.


Du hörst, was spricht. Vernimmst du auch, was fühlt?


Die Verlassene


Du irrst dich. Glaubst du, daß du fern bist

Und daß ich dürste und dich nicht mehr finden kann?

Ich fasse dich mit meinen Augen an,

Mit diesen Augen, deren jedes finster und ein Stern ist.


Ich zieh dich unter dieses Lid

Und schließ es zu und du bist ganz darinnen.

Wie willst du gehn aus meinen Sinnen,

Dem Jägergarn, dem nie ein Wild entflieht?


Du läßt mich nicht aus deiner Hand mehr fallen

Wie einen welken Strauß,

Der auf die Straße niederweht, vorm Haus

Zertreten und bestäubt von allen.


Ich hab dich liebgehabt. So lieb.

Ich habe so geweint ... mit heißen Bitten ...

Und liebe dich noch mehr, weil ich um dich gelitten,

Als deine Feder keinen Brief, mir keinen Brief mehr schrieb.


Ich nannte Freund und Herr und Leuchtturmwächter

Auf schmalem Inselstrich,

Den Gärtner meines Früchtegartens dich,

Und waren tausend weiser, keiner war gerechter.


Ich spürte kaum, daß mir der Hafen brach,

Der meine Jugend hielt - und kleine Sonnen,

Daß sie vertropft, in Sand verronnen.

Ich stand und sah dir nach.


Dein Durchgang blieb in meinen Tagen,

Wie Wohlgeruch in einem Kleide hängt,

Den es nicht kennt, nicht rechnet, nur empfängt,

Um immer ihn zu tragen.



Märchen


Ich hab vor deinem Hause still gestanden

In einer Nacht.

Und hatte ganz dich lieb und ohne Maßen;

Ich wies zu dir den Sternen goldne Straßen

Und habe selig stumm gelacht.


Ob meinem losen Haar hob ich die Arme

Wie Zweige, schlank und rund.

Da stürzte Regen in das Mainachtschweigen

Und rief sich zage Blüten aus den Zweigen,

Und jede war ein blasser Mund.


Du aber kamst nicht.

So streute ich mit lächelndem Verschwenden

Dem Mond die Blumen her.

Und spürte Treiben herber, dunkler Kräfte,

Mir ward die Frucht voll süßer, süßer Säfte;

Schon fiel sie, duftend, weich und schwer.


Du aber kamst nicht.

Eishagel tanzte höhnend auf den Steinen.

Da klaffte schwarz ein Schacht.

Drein ließ ich die zerbrochnen Arme hangen. -

Geblüht und Frucht getragen - und vergangen

In einer Nacht.


Die Fahrende


Alle Eisenbahnen dampfen in meine Hände,

Alle großen Häfen schaukeln Schiffe für mich,

Alle Wanderstraßen stürzen fort ins Gelände,

Nehmen Abschied hier; denn am andern Ende,

Fröhlich sie zu grüßen, lächelnd stehe ich.


Könnt ich einen Zipfel dieser Welt erst packen,

Fänd ich auch die drei andern, knotete das Tuch,

Hängt es auf einen Stecken, trügs an meinem Nacken,

Drin die Erdkugel mit geröteten Backen,

Mit den braunen Kernen und Kalvillgeruch.


Schwere eherne Gitter rasseln fern meinen Namen,

Meine Schritte bespitzelt lauernd ein buckliges Haus;

Weit verirrte Bilder kehren rück in den Rahmen,

Und des Blinden Sehnsucht und die Wünsche des Lahmen

Schöpft mein Reisebericht, trinke ich durstig aus.


Nackte, kämpfende Arme pflüg ich durch tiefe Seen,

In mein leuchtendes Auge zieh ich den Himmel ein.

Irgendwann wird es Zeit, still am Weiser zu stehen,

Schmalen Vorrat zu sichten, zögernd heimzugehen,

Nichts als Sand in den Schuhen Kommender zu sein.



Verwandlungen


Ich will die Nacht um mich ziehn als ein warmes Tuch

Mit ihrem weißen Stern, mit ihrem grauen Fluch,

Mit ihrem wehenden Zipfel, der die Tagkrähen scheucht,

Mit ihren Nebelfransen, von einsamen Teichen feucht.


Ich hing im Gebälke starr als eine Fledermaus,

Ich lasse mich fallen in Luft und fahre nun aus.

Mann, ich träumte dein Blut, ich beiße dich wund,

Kralle mich in dein Haar und sauge an deinem Mund.


Über den stumpfen Türmen sind Himmelswipfel schwarz.

Aus ihren kahlen Stämmen sickert gläsernes Harz

Zu unsichtbaren Kelchen wie Oportowein.

In meinen braunen Augen bleibt der Widerschein.


Mit meinen goldbraunen Augen will ich fangen gehn,

Fangen den Fisch in Gräben, die zwischen Häusern stehn,

Fangen den Fisch der Meere: und Meer ist ein weiter Platz

Mit zerknickten Masten, versunkenem Silberschatz.


Die schweren Schiffsglocken läuten aus dem Algenwald.

Unter den Schiffsfiguren starrt eine Kindergestalt,

In Händen die Limone und an der Stirn ein Licht.

Zwischen uns fahren die Wasser; ich behalte dich nicht.


Hinter erfrorener Scheibe glühn Lampen bunt und heiß,

Tauchen blanke Löffel in Schalen, buntes Eis;

Ich locke mit roten Früchten, draus meine Lippen gemacht,



Der Engel im Walde


Gib mir deine Hand, die liebe Hand, und komm mit mir;

Denn wir wollen hinweggehen von den Menschen.

Sie sind klein und böse, und ihre kleine Bosheit haßt und peinigt uns.

Ihre hämischen Augen schleichen um unser Gesicht, und

ihr gieriges Ohr betastet das Wort unseres Mundes.

Sie sammeln Bilsenkraut . . .

So laß uns fliehn

Zu den sinnenden Feldern, die freundlich mit Blumen und

Gras unsere wandernden Füße trösten,

An den Strom, der auf seinem Rücken geduldig wuchtende

Bürden, schwere, güterstrotzende Schiffe trägt,

Zu den Tieren des Waldes, die nicht übelreden.


Komm.

Herbstnebel schleiert und feuchtet das Moos mit dumpf

smaragdenem Leuchten.

Buchenlaub rollt, Reichtum goldbronzener Münzen.

Vor unseren Schritten springt, rote zitternde Flamme,

das Eichhorn nur.

Schwarze gewundene Erlen züngeln am Pfuhl empor in

kupfriges Abendglasten.


Komm.

Denn die Sonne ist nieder in ihre Höhle gekrochen, und ihr

warmer rötlicher Atem verschwebt.

Nun tut ein Gewölb sich auf.

Unter seinem graublauen Bogen zwischen bekrönten Säulen

der Bäume wird der Engel stehn,

Hoch und schmal, ohne Schwingen.

Sein Antlitz ist Leid.

Und sein Gewand hat die Bleiche eisig blinkender Sterne

in Winternächten.

Der Seiende,

Der nicht sagt, nicht soll, der nur ist,

Der keinen Fluch weiß noch Segen bringt und nicht in

Städte hinwallt zu dem, was stirbt :

Er schaut uns nicht

In seinem silbernen Schweigen.

Wir aber schauen ihn,

Weil wir zu zweit und verlassen sind.


Vielleicht

Weht ein braunes, verwelktes Blatt an seine Schulter,

entgleitet;

Das wollen wir aufheben und verwahren, ehe wir weiterziehn.


Komm, mein Freund, mit mir, komm.

Die Treppe in meines Vaters Haus ist dunkel und krumm

und eng, und die Stufen sind abgetreten;

Aber jetzt ist es das Haus der Waise, und fremde Leute wohnen darin.

Nimm mich fort.

Schwer fügt der alte rostige Schlüssel im Tor sich meinen

schwachen Händen.

Nun knarrt es zu.

Nun sieh mich an in der Finsternis, du, von heut meine Heimat.

Denn deine Arme sollen mir bergende Mauern baun,

Und dein Herz wird mir Kammer sein und dein Auge mein

Fenster, durch das der Morgen scheint.

Und es türmt sich die Stirn, da du schreitest.

Du bist mein Haus an allen Straßen der Welt, in jeder

Senke, auf jedem Hügel.

Du Dach, du wirst ermattet mit mir unter glühendem

Mittag lechzen, mit mir erschauern, wenn Schneesturm

peitscht.

Wir werden dürsten und hungern, zusammen erdulden,

Zusammen einst an staubigem Wegesrande sinken und weinen ...