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STORM, Theodor


Meeresstrand


Ans Haff nun fliegt die Möwe,

Und Dämmrung bricht herein;

Über die feuchten Watten

Spiegelt der Abendschein.


Graues Geflügel huschet

Neben dem Wasser her;

Wie Träume liegen die Inseln

Im Nebel auf dem Meer.


Ich höre des gärenden Schlammes

Geheimnisvollen Ton,

Einsames Vogelrufen -

So war es immer schon.


Noch einmal schauert leise

Und schweiget dann der Wind;

Vernehmlich werden die Stimmen,

Die über der Tiefe sind.


Abends


Auf meinem Schoße sitzet nun

und ruht der kleine Mann;

Mich schauen aus der Dämmerung

Die zarten Augen an.


Er spielt nicht mehr, er ist bei mir,

Will nirgend anders sein;

Die kleine Seele tritt heraus

Und will zu mir herein.


Mein Häwelmann, mein Bursche klein,

Du bist des Hauses Sonnenschein,

Die Vögel singen, die Kinder lachen,

Wenn deine strahlenden Augen wachen.


Wer je gelebt in Liebesarmen


Wer je gelebt in Liebesarmen,

Der kann im Leben nie verarmen;

Und müßt er sterben fern, allein,

Er fühlte noch die sel'ge Stunde,

Wo er gelebt an ihrem Munde,

Und noch im Tode ist sie sein."


Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.


Du willst es nicht in Worten sagen

Du willst es nicht in Worten sagen;

Doch legst du's brennend Mund auf Mund,

Und deiner Pulse tiefes Schlagen

Tut liebliches Geheimnis kund.

Du fliehst vor mir, du scheue Taube,

Und drückst dich fest an meine Brust;

Du bist der Liebe schon zum Raube

Und bist dir kaum des Worts bewußt.

Du biegst den schlanken Leib mir ferne,

Indes dein roter Mund mich küßt;

Behalten möchtest du dich gerne,

Da du doch ganz verloren bist.

Du fühlst, wir können nicht verzichten;

Warum zu geben scheust du noch?

Du mußt die ganze Schuld entrichten,

Du mußt, gewiß, du mußt es doch.

In Sehnen halb und halb in Bangen,

Am Ende rinnt die Schale voll;

Die holde Scham ist nur empfangen,

Daß sie in Liebe sterben soll.


Über die Heide


Über die Heide hallet mein Schritt;

Dumpf aus der Erde wandert es mit.


Herbst ist gekommen, Frühling ist weit –

Gab es denn einmal selige Zeit?


Brauende Nebel geisten umher;

Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.


Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai!

Leben und Liebe – wie flog es vorbei!