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GERNHARDT, Robert


Siebenmal mein Körper


Mein Körper ist ein schutzlos Ding,

wie gut, daß er mich hat.

Ich hülle ihn in Tuch und Garn

und mach ihn täglich satt.


Mein Körper hat es gut bei mir,

ich geb' ihm Brot und Wein.

Er kriegt von beidem nie genug,

und nachher muß er spein.


Mein Körper hält sich nicht an mich,

er tut, was ich nicht darf.

Ich wärme mich an Bild, Wort, Klang,

ihn machen Körper scharf.


Mein Körper macht nur, was er will,

macht Schmutz, Schweiß, Haar und Horn.

Ich wasche und beschneide ihn

von hinten und von vorn.


Mein Körper ist voll Unvernunft,

ist gierig, faul und geil.

Tagtäglich geht er mehr kaputt,

ich mach ihn wieder heil.


Mein Körper kennt nicht Maß noch Dank,

er tut mir manchmal weh.

Ich bring ihn trotzdem übern Berg

und fahr ihn an die See.


Mein Körper ist so unsozial.

Ich rede, er bleibt stumm.

Ich leb ein Leben lang für ihn.

Er bringt mich langsam um.


Das Dunkel

Menschen kleiden sich gern bunt,

das hat einen dunklen Grund.

Menschen zeigen sich gern nackt-

Dunkelheit in Haut verpackt.

Ob im Mann, ob im Weib,

Dunkel herrscht in jedem Leib.

Auch trifft zu, daß Greis und Kind

innen völlig dunkel sind.

Hinter jedem roten Mund

öffnet sich ein dunkler Schlund.

Meerrettich und Brot und Wein

läßt der Schlund ins Dunkel ein,

Rein in Magen, Blase, Darm,

alle dunkel, aber warm.

Wein und Brot und Meerrettich

wandern durch ein dunkles Ich.

Auf dem Weg vom Ich zum Du

freilich geht's noch dunkler zu.

Dunkel lockt der Zeugungstrieb:

Laß mich ein. Hab mich lieb.

Dunkel bleibt auch, ob es frommt,

daß da das zusammenkommt:


Same sah nie Tageslicht,

Ei warf niemals Schatten nicht.

Klar ist nur, daß es das Glied

gradewegs ins Dunkel zieht,

Und daß es ein Spalt empfängt,

den es dunkel zu ihm drängt.

Dunkel ist, was sich dann tut,

Dunkel herrscht, wenn alles ruht,

Doch im Schoß der dunklen Nacht

regt sich dunkel der Verdacht,

Alles Licht sei eitel Schein

auf dem Weg ins Dunkelsein.


Zwei erinnern sich

Aber das war doch das Glück!

Als wir auf dieser Terrasse standen,

als sich erst Worte, dann Finger, dann Lippen fanden,

und ich beugte mich vor,

und du lehntest dich zurück –

»Das war nicht das Glück!«

Aber doch! Das war das Glück!

Als wir dann diese Treppe hochstiegen,

so heiß und von Sinnen, daß wir meinten zu fliegen,

und dann sprang diese Tür auf,

und es gab kein Zurück –

»Aber das war doch nicht das Glück!«

Aber ja doch! Das war das Glück!

Als wir uns zwischen diesen Laken verschränkten

und gaben und nahmen und raubten und schenkten,

und wer immer etwas gab,

erhielt es tausendfach zurück –

»Das war unser Unglück.«