BECHER, Johannes R.


Sterne Glühn


Sterne glühn und Schiffe werden fahren

Und das Meer wird stürmisch sein -

Kämen wieder wir nach Jahren:

In den Bergen wird es heut noch schnein.


Gehst du südwärts, wird es weit und blau.

Kinder in dem Sande knien.

Sammeln Muscheln. Eines ruft jetzt: Schau,

dort am Leuchtturm ein Delphin!


Dort wo Züge über Brücken rollen,

stürzt der Fluß als Katarakt,

unter Erde und im dem Stollen,

Schlägt der Bergmann Takt auf Takt!


Du und du wo seid ihr hingetrieben,

nur der Druck von holder Hand,

ist von euch in Näh zurück geblieben,

namenlos seid ihr und unbekannnt


Kämen wieder wir nach Jahren,

auferstünden wir aus Kraut und Stein

Sterne glühn und Schiffe werden fahren

Und das Meer wird stürmisch sein.


Eingang


Der Dichter meidet strahlende Akkorde.

Er stößt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill.

Er reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen.


Ich lerne. Ich bereite vor. Ich übe mich.

Wie arbeite ich – hah leidenschaftlich! –

Gegen mein noch unplastisches Gesicht –:

Falten spanne ich.

Die Neue Welt

Zeichne ich, möglichst korrekt, darin ein.

(– dabei die alte, die mystische, die Welt der Qual austilgend –)

Eine besonnte, eine äußerst gegliederte, eine geschliffene Landschaft schwebt mir vor,

Eine Insel glückseliger Menschheit.

Dazu bedarf es viel. (Das weiß auch ich längst sehr wohl.)


O Trinität des Werks: Erlebnis, Formulierung, Tat.


Ich lerne. Bereite vor. Ich übe mich.



Müde


Müde bin ich alles dessen,

All der Pein, jahraus, jahrein,

Und ich will nichts als vergessen

Und will selbst vergessen sein.


O wie müd bin ich des allen,

All der jahrelangen Pein.

Herbstzeit ist. Die Blätter fallen.

Und wir gehn ins Dunkel ein.


Schlachtfeld um Stalingrad

Als hätte eine Welt hier ausgeleert

Ihr Hirn, ihr Blut und ihre Eingeweide,

Dazwischen bunter Stoff zu einem Kleide

- Ein Brillenglas blieb dabei unversehrt –

Ein Grammophon mit Walzermelodie –

Die Toten halten feil noch ihre Waren –

Von Bomben aufgesprengt und platt gefahren

Von Panzerketten: also lagen sie …

Ich sah sie liegen, und ein jeder lag

An seinem Platz und hatte Platz gefunden,

Und alle hatten sie nur ein Gesicht.

Es war ein grau verwölkter Wintertag,

Und dann fiel Schnee und deckte alle Wunden –

Und Stille war … Hier sprach das Weltgericht.


Der Lesende


Er hat das Buch verwundert aufgeschlagen,

In weisser Stille blätternd, bis es spricht,

Und hat es zitternd vor sich her getragen,

Er sitzt im Zug und liest. Er rückt ins Licht.


Die Verse drängen ihn, sie mitzusagen,

Und überziehen glanzvoll das Gesicht.

Bald schwingen sie, ihn wiegend durch den Wagen,

So fährt er mit dem Zug durch ein Gedicht.


Gebannt ist noch der Blick, umspannt vom Rand.

Dann schaut er auf vom Buch, schaut in die Weite.

Und während er das Buch entgleiten lässt,


Legt er dazwischen seine eine Hand.

Als hielte er so die gelesene Seite

Mit seiner Hand, auch mit der Hand, ganz fest ...



Neckar bei Nürtingen


Die Ufer sind so flach, daß auch die Wiesen

Sanft mitzufließen scheinen mit dem Fluß.

Ein uferloses reines Überfließen.

Ein Überfluß, drin alles mitziehem muß!


Die Apfelbäume blühn. Ein weicher Schimmer

Liegt überm Land. Es blüht aus dir heraus.

Still. Nur der Fluß, das Blühen … Ich wünsche mir: immer

Möcht ich hier sein. Hier bin ich ganz zu Haus


An einem Holztisch sitz ich in der Laube.

Und schenk mir ein aus einem hohen Krug.

Die Nacht, wenn ich auch nicht an Gott mehr glaube,

Ist wundervoll und rätselhaft genug.



Deutschland meine Trauer


Heimat, meine Trauer,

Land im Dämmerschein,

Himmel, du mein blauer,

Du mein Fröhlichsein.


Einmal wird es heißen:

Als ich war verbannt;

Hab ich, dich zu preisen,

Dir ein Lied gesandt.


War, um dich zu einen,

Dir ein Lied geweiht,

Und mit Dir zu weinen

In der Dunkelheit ...


Himmel schien, ein blauer,

Friede kehrte ein -

Deutschland, meine Trauer,

Du, mein Fröhlichsein.


Turm von Babel


Das ist der Turm von Babel,

Er spricht in allen Zungen.

Und Kain erschlägt den Abel

Und wird als Gott besungen.


Er will mit seinem Turme

Wohl in den Himmel steigen

Und will vor keinem Sturme,

Der ihn umstürmt, sich neigen.


Gerüchte aber schwirren,

Die Wahrheit wird verschwiegen.

Die Herzen sich verwirren –

So hoch sind wir gestiegen!


Das Wort wird zur Vokabel,

Um sinnlos zu verhallen.

Es wird der Turm zu Babel

Im Sturz zu nichts zerfallen.



Verfall


Unsere Leiber zerfallen,

Graben uns singend ein:

Berauschte Abende wir,

Nachtsturm- und meerverscharrt.

Heißes Blut vertrocknet,

Eitergeschwür verrinnt.

Mund Ohr Auge verhüllet

Schlaf Traum Erde der Wind.


Gelblich träger Würmmer

Enggewundener Gang.

Pochen rollender Stürme.

Wimpern, blutrot lang.

..."Bin ich zerbröckelnde Mauer,

Säule am Wegrand, die schweigt?

Oder Baum der Trauer

Über dem Abgrund, geneigt?"...

Süßer Geruch der Verwesung,

Raum, Haus, Haupt erfüllend.

Blumen, flatternde Gräser,

Vögel, Lieder quillend.


"Ja - , verfaulter Stamm... "

Schimmel. Geächz. Gestöhn.

Unter wimmelnder Himmel Flucht

Furchtbarer Laut ertönt:

Pauke. Tube Gedröhn.

Donner. Wildflammiges Licht.

Zimbel. Schlagender Ton.

Trommelgeschrill. Das zerbricht. -


Der ich mich dir, weite Welt,

Hingab, leicht vertrauend,

Sieh, der arme Leib verfällt,

Doch mein Geist die Heimat schaut.

Nacht, dein Schlummer tröstet mich,

Mund ruht tief und Arm.

Heller Tag, du lösest mich

Auf in Unruh ganz und Harm.


Daß ich keinen Ausweg finde,

Ach, so weh zerteilt!

Blende bald, bald blind und Blinde.

Daß kein Kuß mich heilt!

Daß ich keinen Ausweg finde,

Trag wohl ich nur Schuld:

Wildstrom, Blut und Feuerwind,

Schande, Ungeduld.


Tag, du herbe Bitternis!

Nacht, gib Traum und Rat!

Kot Verzerrrung Schnitt und Riß -

Kühle Lagerstatt ...

Alles muß noch ferne sein,

Fern, o fern von mir -

Blüh empor im Sternenschein,

Heimat, über mir!


Einmal werde ich am Wege stehn,

Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt.

Umronnen von goldner Winde Wehn.

Licht fällt durch der Wolken Flucht matt.

Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt...

Meine Hände rühren

An Himmel, golderfüllt,

Sich öffnend gleich Wundertüren.


Wiesen, Wälder ziehen herauf.

Gewässer sich wälzen. Brücken.

Gewölbe. Endloser Ströme Lauf.

Grauer Gebirge Rücken.

Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.

Drachen, Erde speiend.

Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt.

Empörung. Lachen. Geschrei.


Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.

Knäuel. Gemetzel weit...

..."Wann erscheinest du, ewiger Tag?

Oder hat es noch Zeit?

Wann ertönest du, schallendes Horn,

Schrei du der Meerflut schwer?

Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn

Rufend die Schläfer her?"...



Kinderschuhe aus Lublin


Von all den Zeugen, die geladen,

vergess ich auch die Zeugen nicht.

Als sie in Reihn den Saal betraten,

erhob sich schweigend das Gericht.


Wir blickten auf die Kleinen nieder,

ein Zug zog paarweis durch den Saal.

Es war, als t ö nten Kinderlieder,

ganz leise, fern, wie ein Choral.


Es war ein langer bunter Reigen,

der durch den ganzen Saal sich schlang.

Und immer tiefer ward das Schweigen

bei diesem Gang und Kindersang.




 Voran die Kleinsten von den Kleinen,

sie lernten jetzt erst richtig gehn

- auch Schuhchen k ö nnen lachen, weinen -,

ward je ein solcher Zug gesehn?


Es tritt ein winzig Paar zur Seite,

um sich ein wenig auszuruhn,

und weiter zieht es in die Weite -

es war ein Zug von Kinderschuhn.


Man sieht, wie sie den F üß chen passten -

sie haben niemals weh getan,

und H ä ndchen spielten mit den Quasten,

das Kind zog gern die Schuhchen an.


Ein Paar aus Samt, ein Paar aus Seiden,

und eines war bestickt sogar

mit Blumen, wie sie ziehn, die beiden,

sind sie ein schmuckes Hochzeitspaar.


Mit B ä ndchen, Schnallen und mit Spangen,

zwerghafte Wesen, federleicht -

und viel sind viel zu lang gegangen

und sind vom Regen durchgeweicht.


Man sieht die Mutter, auf den Armen

das Kind, vor einem Laden stehn:

"Die Schuhchen, die, die weichen, warmen,

ach Mutter, sind die Schuhchen sch ö n!"


"Wie soll ich nur die Schuhchen zahlen.

Wo nehm das Geld ich daf ü r her...."

Es naht ein Paar von Holzsandalen,

es ist schon m ü d und schleppt sich schwer.


Es muss ein Str ü mpfchen mit sich schleifen,

das wund gescheuert ist am Knie....

Was soll der Zug? Wer kann `s begreifen?

Und diese ferne Melodie....


Auch Schuhchen k ö nnen weinen, lachen....

Da f ä hrt in einem leeren Schuh

ein P ü ppchen wie in einem Nachen

und winkt uns wie im M ä rchen zu.




 Hier geht ein Paar von einem Jungen,

das hat sich schon als Schuh gef ü hlt,

das ist gelaufen und gesprungen

und hat auch wohl schon Ball gespielt.




 Ein Stiefelchen hat sich verloren

und findet den Gef ä hrten nicht,

vielleicht ist der am Weg erfroren -

ach, damals fiel der Schnee so dicht....




 Zum Schluss ein Paar, ganz abgetragen,

das macht noch immer mit, wozu?

Als h ä tte es noch was zu sagen,

ein Paar zerrissener Kinderschuh.




 Ihr heimatlosen, kinderlosen,

wer schickte euch? Wer zog euch aus?

Wo sind die F üß chen all, die blo ß en?

Lie ß t ihr sie ohne Schuh zu Haus?


Der Richter kann die Frage deuten.

Er nennt der toten Kinder Zahl.

....ein Kinderchor. Ein Totenl ä uten.

Die Zeugen gehen durch den Saal.


Die Deutschen waren schon vertrieben,

da fand man diesen schlimmen Fund.

Wo sind die Kinder nur geblieben?

Die Schuhe tun die Wahrheit kund:


Es war ein harter dunkler Wagen.

Wir fuhren mit der Eisenbahn.

Und wie wir in dem Dunkel lagen,

so kamen wir im Dunkel an.


Es kamen aus den L ä ndern allen

viel Schuhchen an in einem fort,

und manche stolpern schon und fallen,

bevor sie treffen ein am Ort.


Die Mutter sagte: "Wie viel Wochen

wir hatten schon nichts Warmes mehr?

Nun werd ich uns ein S ü ppchen kochen."

Ein Mann mit Hund ging nebenher:


"Es wird sich schon ein Pl ä tzchen finden",

so lachte er, "und warm ist`s auch,

hier braucht sich keiner abzuschinden...."

bis in den Himmel kroch ein Rauch.


"Es wird euch nicht an W ä rme fehlen,

wir heizen immer t ü chtig ein.

Ich kann Lublin nur warm empfehlen,

bei uns herrscht ewiger Sonnenschein."


Und es war eine deutsche Tante,

die uns im Lager von Lublin

empfing und "Engelsp ü ppchen" nannte,

um uns die Schuhchen auszuziehn,


und als wir fingen an zu weinen,

da sprach die Tante: "Sollt mal sehn,

gleich wird die Sonne pr ä chtig scheinen,

und drum d ü rft ihr jetzt barfuss gehn....


Stellt euch mal auf und lasst euch z ä hlen,

so, seid ihr auch h ü bsch unbeschuht?

Es wird euch nicht an W ä rme fehlen,

daf ü r sorgt unsere Sonnenglut....


Was, weint ihr noch? `s ist eine Schande!

Was tut euch denn, ihr P ü ppchen, weh?

Ich bin die deutsche M ä rchentante!

Die gute deutsche Puppenfee.


`s ist Zeit, ihr P ü ppchen, angetreten!

Was f ä llt euch ein denn, hinzuknien.

Auf, lasst uns singen und nicht beten!

Es scheint die Sonne in Lublin!"


Es sang ein Lied die deutsche Tante.

Strafft sich den Rock und geht voraus,

und dort, wo hei ß die Sonne brannte,

z ä hlt sie uns nochmals vor dem Haus.


Zu hundert, nackt in einer Zelle,

ein letzter Kinderschrei erstickt....

Dann wurden von der Sammelstelle

die Schuhchen in das Reich geschickt.


Es schien sich das Gesch ä ft zu lohnen,

das Todeslager von Lublin.

Gefangenenz ü ge, Prozessionen.

Und - eine deutsche Sonne schien....


Wenn Tote einst als R ä cher schreiten

und ü ber Deutschland hallt ihr Schritt

und weithin sich die Schatten breiten -

dann ziehen auch die Schuhchen mit.


Ein Zug von aber tausend Zwergen,

so ziehen sie dahin in Reihn,

und wo die Schergen sich verbergen,

dort treten sie unheimlich ein.




 Sie schleichen sich herauf in Stiegen,

sie treten in die Zimmer leis.

Die Henker wie gefesselt liegen

und zittern vor dem Schuldbeweis.




 Es wird die Sonne brennend scheinen.

Die Wahrheit tut sich allen kund.

Es ist ein gro ß es Kinderweinen,

ein Grabgesang aus Kindermund....




 Der Kindermord ist klar erwiesen.

Die Zeugen all bekunden ihn.

Und nie vergess ich unter diesen

die Kinderschuhe aus Lublin.