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KELLER, Gottfried


Walpurgis

Ich fürcht' nicht Gespenster,

Keine Hexen und Fee'n,

Und lieb's, in ihre tiefen

Glühaugen zu seh'n.

Am Wald, in dem grünen

Unheimlichen See,

Da wohnet ein Nachtweib,

Das ist weiß, wie der Schnee.

Es haßt meiner Schönheit

Unschuldige Zier;

Wenn ich nächtlich vorbeigeh',

So zankt es mit mir.

Doch der Schein meiner Augen

Und das Roth von meinem Mund

Verscheuchen das Spukweib

Alsbald auf den Grund.

Jüngst, als ich im Mondschein

Am Waldwasser stand,

Fuhr sie auf ohne Schleier,

Ohne alles Gewand!

Es schwammen ihre Glieder

In der taghellen Nacht;

Der Himmel war trunken

Von der höllischen Pracht.

Aber ich hab' entblößet

Meine lebendige Brust;

Da hat sie mit Schande

Versinken gemußt!



Trübes Wetter


Es ist ein stiller Regentag,

So weich, so ernst, und doch so klar,

Wo durch den Dämmer brechen mag

Die Sonne weiß und sonderbar.


Ein wunderliches Zwielicht spielt

Beschaulich über Berg und Tal;

Natur, halb warm und halb verkühlt,

Sie lächelt noch und weint zumal.


Die Hoffnung, das Verlorensein

Sind gleicher Stärke in mir wach;

Die Lebenslust, die Todespein,

Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.


Ich aber, mein bewußtes Ich,

Beschau' das Spiel in stiller Ruh,

Und meine Seele rüstet sich

Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.