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KELLER, Gottfried


Aus dem Leben 2


Die Zeit geht nicht, sie stehet still,

Wir ziehen durch sie hin;

Sie ist ein Karavanserai,

Wir sind die Pilger drin.


Ein Etwas, form- und farbenlos,

Das nur Gestalt gewinnt,

Wo ihr drin auf und nieder taucht,

Bis wieder ihr zerrinnt.


Es blitzt ein Tropfen Morgenthau

Im Strahl des Sonnenlichts –

Ein Tag kann eine Perle sein

Und hundert Jahre – Nichts!


Es ist ein weißes Pergament

Die Zeit und Jeder schreibt

Mit seinem besten Blut darauf

Bis ihn der Strom vertreibt.


An dich, du wunderbare Welt,

Du Schönheit ohne End'!

Schreib' ich 'nen kurzen Liebesbrief

Auf dieses Pergament.


Froh bin ich, daß ich aufgetaucht

In deinem runden Kranz;

Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht

Und lobe deinen Glanz!


Abendlied.


Augen, meine lieben Fensterlein,

Gebt mir schon so lange holden Schein,

Lasset freundlich Bild um Bild herein:

Einmal werdet ihr verdunkelt sein!


Fallen einst die müden Lider zu,

Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh';

Tastend streift sie ab die Wanderschuh',

Legt sich auch in ihre finst're Truh'.


Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend steh'n

Wie zwei Sternlein, innerlich zu seh'n,

Bis sie schwanken und dann auch vergeh'n,

Wie von eines Falters Flügelweh'n.


Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld,

Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;

Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,

Von dem goldnen Ueberfluß der Welt!


Walpurgis

Ich fürcht' nicht Gespenster,

Keine Hexen und Fee'n,

Und lieb's, in ihre tiefen

Glühaugen zu seh'n.

Am Wald, in dem grünen

Unheimlichen See,

Da wohnet ein Nachtweib,

Das ist weiß, wie der Schnee.

Es haßt meiner Schönheit

Unschuldige Zier;

Wenn ich nächtlich vorbeigeh',

So zankt es mit mir.

Doch der Schein meiner Augen

Und das Roth von meinem Mund

Verscheuchen das Spukweib

Alsbald auf den Grund.

Jüngst, als ich im Mondschein

Am Waldwasser stand,

Fuhr sie auf ohne Schleier,

Ohne alles Gewand!

Es schwammen ihre Glieder

In der taghellen Nacht;

Der Himmel war trunken

Von der höllischen Pracht.

Aber ich hab' entblößet

Meine lebendige Brust;

Da hat sie mit Schande

Versinken gemußt!



Trübes Wetter


Es ist ein stiller Regentag,

So weich, so ernst, und doch so klar,

Wo durch den Dämmer brechen mag

Die Sonne weiß und sonderbar.


Ein wunderliches Zwielicht spielt

Beschaulich über Berg und Tal;

Natur, halb warm und halb verkühlt,

Sie lächelt noch und weint zumal.


Die Hoffnung, das Verlorensein

Sind gleicher Stärke in mir wach;

Die Lebenslust, die Todespein,

Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.


Ich aber, mein bewußtes Ich,

Beschau' das Spiel in stiller Ruh,

Und meine Seele rüstet sich

Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.


Die Zeit geht nicht


Die Zeit geht nicht, sie stehet still,

Wir ziehen durch sie hin;

Sie ist die Karawanserei,

Wir sind die Pilger drin.


Ein Etwas, form- und farbenlos,

Das nur Gestalt gewinnt,

Wo ihr drin auf und nieder taucht,

Bis wieder ihr zerrinnt.


Es blitzt ein Tropfen Morgentau

Im Strahl des Sonnenlichts;

Ein Tag kann eine Perle sein

Und ein Jahrhundert nichts.


Es ist ein weißes Pergament

Die Zeit, und jeder schreibt

Mit seinem roten Blut darauf,

Bis ihn der Strom vertreibt.


An dich, du wunderbare Welt,

Du Schönheit ohne End',

Auch ich schreib' meinen Liebesbrief

Auf dieses Pergament.


Froh bin ich, daß ich aufgeblüht

In deinem runden Kranz;

Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht

Und lobe deinen Glanz.