BLASS, Ernst


Nacht


Verworrenes Café, farbig Gewitter!

Musik und Dirnen, und die Pauke tollt!

Die Whisky’s! Diese Angostura bitter,

Die man schon trinkt, bevor man sie gewollt –


Und deine Augen, bläulich, süß und bebend

In deines schmalen Körpers Eleganz,

Nun starr und fremd und nun schon wieder lebend

Zu deines Lächelns halbverwehtem Tanz!


In dieser sehnsuchtsvoll verlorenen Nacht

Gibt auf die Ordnung des Betriebes Acht

Im Hintergrund, seriös, Direktor Keller.


O Thymian, dein welkend buntes Blut

Bewegt mein Herz, schon stürzt es banger, schneller,

Und lieben werde ich dich, coûte que coûte


Knabenlied


Ich sang einst wilde Lieder in die Nacht,

Ganz überschwer von unerlöster Macht.

Doch keiner hörte sie.

Der kalte Mond warf seinen kalten Schein.

Da ward mein Lied zu glühendheißem Schrein.

Doch keiner hörte es.

Der tote Tag wird einst die Nacht beerben.

Da wird mein Schrei in einem Seufzer sterben.

Keiner wirds hören.


Fort von Berlin! / Nachts


Ich bin gegangen durch viele Straßen

In dem mir scheinbar bekannten Berlin.

Ich sprach mit Menschen, die neben mir saßen,

Sie grüßten mich und ließen mich ziehn.


Nun liege ich einsam in den Kissen

Und fühle nur, daß alles war.

Und dennoch ist es mir ganz entrissen

Und auch im Grunde gar nicht klar.


Auf meinem Nachttisch tickt die Uhr,

In meiner Nähe ist ein Schrank.

Und ich, dem alles widerfuhr,

Bin nicht gesund und bin nicht krank.


Ich seh noch eines Mädchens Glieder,

Ich höre Plaudern überall;

Dazwischen meiner eigenen Lieder

Einsilbig alten Regenfall.


Dort vor dem Fenster ist die Straße,

Das nächtlich windige Berlin.

Die ihr mich meßt mit falschem Maße,

Laßt mich, ich bitt' euch, wieder ziehn!


Kreuzberg I


Blaßmond hat Hall und Dinge grau geschminkt.
Das Wundern lernte selbst der karge Greis,
Der unten, auf der Bank, im engsten Kreis
Vor sich den mageren Spazierstock schwingt.


Da liegt die große Stadt: schwer, grau und weiß.
Ein Rauchen, Greifen, Atmen, daß es stinkt.
Eh sie dem heil’gen Tag das Dunkle wild entringt,
Erwachen Nerventräume, blaß und heiß.


Fort mit dem süßen Blick! Fort mit dem Kusse!
Hörst du die roten Nacht- und Not-Alarme?
Die heißen, blassen Träume sind verstreut.


Mir stehen riesige, liebes-, hasseswarme
Gebäude zu durchwandern weit bereit.
Da unten rollen meine Autobusse!



Kreuzberg II


Wir schleifen auf den müdgewordnen Beinen

Die Trägheit und die Last verschlafner Gierden.

Uns welkten (ach so schnell!) die bunten Zierden.

Durch Dunkliges kriecht geil Laternenscheinen.


Im Trüben hat ein träger Hund gebollen.

Auf Bänken übertastet man die Leiber

Zum Teile gar nicht unsympathscher Weiber.

Die schaukeln noch – wir wissen, was wir wollen.


Du gähnst mich an – in deinem Gähnen sielt

Sich halbverfaulte Geilheit. Hundgebelle.

Und durch das überlaubte Dings da schielt,

In Stein gemetzt, der Bürgermeister Zelle.


In einer fremden Stadt

Ich bin in eine fremde Stadt verschlagen.

Die Straßen stehn mit Häusern. Weißer Himmel,

Auf dem im Winde dünne Wolken ziehn.


Im Abend: Rufe, Pfiffe, Bahngebimmel.

In einem Cafe würden Melodien

Mir heute die Begrüßung doch versagen.


Ein Kellner käme fremd, was ich befehle:

Vielleicht war wieder Angst in meiner Kehle.


Ich gehe matt, zerschlagen hin auf realen Wegen.

Menschen kommen mir abendlich entgegen.


Pfiffe hör ich, Rufe, wie im Traum.

Ich spüre meine alte Angst noch kaum.


Ich werde schlafen gehn, daß mich nichts wieder quäle.

Ich kenne hier ja keine Menschenseele.


Der Nervenschwache


Mit einer Stirn, die Traum und Angst zerfraßen,

Mit einem Körper, der verzweifelt hängt

An einem Seile, das ein Teufel schwenkt,

- So läuft er durch die langen Großstadtstraßen.


Verschweinte Kerle, die die Straße kehren,

Verkohlen ihn; schon gröhlt er arienhaft:

"Ja, ja - ja, ja! Die Leute haben Kraft!

Mir wird ja nie, ja nie ein Weib gebären


Mir je ein Kind!" Der Mond liegt wie ein Schleim

Auf ungeheuer nachtendem Velours.

Die Sterne zucken zart wie Embryos

An einer unsichtbaren Nabelschnur.


Die Dirnen züngeln im geschlossnen Munde,

Die Dirnen, die ihn welkend weich umwerben.

Ihn ängsten Darmverschlingung, Schmerzen, Sterben,

Zuhältermesser und die großen Hunde.



Die Trennung


Als wir uns trennten, fingst du an zu weinen.

Du süßes Mädchen! Tränen und Geleit ...

Ich schwenkte aus dem Zuge langsam meinen

Strohhut nach dir, die blieb, in rotem Kleid.


Es wird schon dunkel. Dörfer, Wälder, Reise ...

Schmerzlich und klanglos ging die Zeit vorbei.

Liebte ich dich? Du warst mir einerlei.

Beim Kaffeetrinken weinte ich noch leise.


Viel Stunden kann noch unser Leben währen

Mit Krampf, Musike, mancher Einsamkeit.

Meist aber füllen einen die Miseren

Und Späße aus, und so vergeht die Zeit.


Grau ist der Abend in der Eisenbahn.

Ich gehe nach dem Speisewagen, essen,

Ich habe Angst: wir werden uns vergessen,

Erblindet, eh wir je uns wiedersahn.



Zwiegesang - II.
…..
Dein Aug' ist wie der Mond auf meinen Wellen,

Geliebt ein Herrscher über Ebb' und Flut.

Ich fühle mächtig meine Kräfte schwellen,

Und strömend find' ich mich gesund und gut.


Befreiung rauscht in mir aus allen Quellen

In Atem, Träne, Blickeslust und Blut.

Was klug verwahrt lag an geschützten Stellen,

Wirft selig sich in die ersehnte Glut.


Die abgeschlossenen Zellen sind nun offen,

Das Tor sprang auf: da ist der bunte Weg,

Auf dem du gehst. Nun darf ich alles hoffen.


Und überströmt bin ich von Glück und leg'

Das Haupt sanft auf die jugendliche Au:

Da leuchtet über mir des Himmels Blau
…..


An Gladys

O du, mein holder Abendstern ...
Richard Wagner

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht,
Den schwarzen Hut auf meinem Dichterhaupt.
Die Straßen komme ich entlang geweht.
Mit weichem Glücke bin ich ganz belaubt.

Es ist halb eins, das ist ja noch nicht spät...
Laternen schlummern süß und schneebestaubt.
Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich gerät
Mit Worten, schnöde, roh und unerlaubt!

Die Straßen komme ich entlang geweht,
Die Lichter scheinen sanft aus mir zu saugen,
Was mich vorhin noch von den Menschen trennte;

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht...
Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen könnte,
Ich bin so sanft, mit meinen blauen Augen