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TIECK, Ludwig


Melankolie

Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten

Durch Wolkenschleier matt und bleich,

Die Flur durchstrich das Geisterreich,

Als feindlich sich die Parzen abwärts wandten,

Und zorn'ge Götter mich in's Leben sandten.

Die Eule sang mir grause Wiegenlieder

Und schrie mir durch die stille Ruh

Ein gräßliches: Willkommen! zu.

Der bleiche Gram und Jammer sanken nieder

Und grüßten mich als längst gekannte Brüder.

Da sprach der Gram in banger Geisterstunde:

Du bist zu Quaalen eingeweiht,

Ein Ziel des Schicksals Grausamkeit,

Die Bogen sind gespannt und jede Stunde

Schlägt grausam dir stets neue blutge Wunde.

Dich werden alle Menschenfreuden fliehen,

Dich spricht kein Wesen freundlich an,

Du gehst die wüste Felsenbahn,

Wo Klippen drohn, wo keine Blumen blühen,

Der Sonne Strahlen heiß und heißer glühen.

Die Liebe, die der Schöpfung All durchklingt,

Der Schirm in Jammer und in Leiden,

Die Blüthe aller Menschenfreuden,

Die unser Herz zum höchsten Himmel schwingt,

Wo Durst aus seelgem Born Erquicken trinkt,

Die Liebe sei auf ewig dir versagt.

Das Thor ist hinter dir geschlossen,

Auf der Verzweiflung wilden Rossen

Wirst du durch's öde Leben hingejagt,

Wo keine Freude dir zu folgen wagt.

Dann sinkst du in die ewge Nacht zurück,

Sieh tausend Elend auf dich zielen,

Im Schmerz dein Dasein nur zu fühlen!

Ja erst im ausgelöschten Todesblick

Begrüßt voll Mitleid dich das erste Glück. –


Zeit


So wandelt sie, im ewig gleichen Kreise,

Die Zeit nach ihrer alten Weise,

Auf ihrem Wege taub und blind,

Das unbefangne Menschenkind.

Erwartet stets vom nächsten Augenblick

Ein unverhofftes seltsam neues Glück.

Die Sonne geht und kehret wieder,

Kommt Mond und sinkt die Nacht hernieder,

Die Stunden, die Wochen abwärts leiten,

Die Wochen bringen die Jahreszeiten.

Von außen nichts sich je erneut,

In dir trägst du die wechselnde Zeit,

In dir nur Glück und Begebenheit.


Der Dichter


Sonett.


Wie sehnsuchtsvoll fühlt sich mein Herz gezogen,

Dem frischen grünen Walde zugelenket,

Von Bächen wird das neue Gras getränket,

Die Blumen schauen sich in klaren Wogen.


Ein blau Krystall erscheint der Himmelsbogen,

Zur blühenden Erde liebend hergesenket,

Die Sonne zeigt, daß sie der Welt gedenket,

Sie hat die Blumen küssend aufgesogen.


Die Pflanzen glänzen, Wasserwogen lachen,

Die muntern Thiere regen sich in Sprüngen,

Der Vogel singt, vom grünen Zweig umrauschet.

Wenn Thiere, Wasser, Blumen, Flur' erwachen,

Läßt höher noch der Mensch die Stimm' erklingen,

Der Dichter fühlt von Gottheit sich berauschet


Sehnsucht


Warum Schmachten?

Warum Sehnen?

Alle Thränen

Ach! sie trachten

Weit nach Ferne,

Wo sie wähnen

Schönre Sterne.

Leise Lüfte

Wehen linde,

Durch die Klüfte

Blumendüfte,

Gesang im Winde.

Geisterscherzen,

Leichte Herzen!


Ach! ach! wie sehnt sich für und für

O fremdes Land, mein Herz nach dir![1]

Werd' ich nie dir näher kommen,

Da mein Sinn so zu dir steht?

Kömmt kein Schifflein angeschwommen,

Das dann unter Segel geht?

Unentdeckte ferne Lande, –

Ach mich halten ernste Bande,

Nur wenn Träume um mich dämmern,

Seh' ich deine Ufer schimmern,

Seh' von dorther mir was winken, –

Ist es Freund, ist' s Menschgestalt?

Schnell muß alles untersinken,

Rückwärts hält mich die Gewalt. –


Warum Schmachten?

Warum Sehnen?

Alle Thränen

Ach! sie trachten

Nach der Ferne,

Wo sie wähnen

Schönre Sterne. –