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TOLLER, Ernst



Wälder


Ihr Wälder fern an Horizonten schwingend,

Vom abendlichen Hauche eingehüllt,

Wie meine Sehnsucht friedlich euch erfüllt,

Minuten Schmerz der Haft bezwingend.


Ich presse meine Stirne an die Eisensäulen,

Die Hände rütteln ihre Unrast wund,

Ich bin viel ärmer als ein armer Hund,

Ich bin des ausgestoßnen Tieres hilflos Heulen.


Ihr Buchenwälder, Dome der Bedrückten,

Ihr Kiefern, Melodie der Heimat, tröstet Leid,

Wie wobet ihr geheimnisvoll um den beglückten


Knaben der fernen Landschaft wundersames Kleid

Wann werde ich, umarmt vom tiefen Rauschen,

Den hohen Psalmen eurer Seele lauschen?


Bossen

De bossen golvend ver aan horizonnen,

Door 't avondwaas omhuld,

Hoe mijn verlangen vredig hen vervult,

Een paar minuten smart bedwongen.


Mijn voorhoofd tegen ijzeren zuilen,

De handen rammelend gewond,

Ik ben nog armer dan 'n arme hond,

Verstoten dier, zo hulp'loos huilend.


Het beukenbos, de tempel der teneergeslagenen,

De pijnboom, heimatmelodie, vertroost 't leed,

Zo weven zij, in het geheim, in vlagen


Om 't verre land een beeldschoon kleed ...

Wanneer zal ik zijn diep geruis weer horen,

Zal mij 't hooglied van z'n ziel bekoren?


( Translation: Jacques SCHMITZ)




Marschlied


Wir Wand'rer zum Tode,

Der Erdnot geweiht,

Wir kranzlose Opfer,

Zu letzten bereit.


Wir fern aller Freude

Und fremd aller Qual.

Wir Blütenverwehte

Im nächtlichen Tal.


Wir Preis einer Mutter,

Die nie sich erfüllt,

Wir wunschlose Kinder,

Von Schmerzen gestillt.


Wir Tränen der Frauen,

Wir lichtlose Nacht,

Wir Weisen der Erde

Ziehn stumm in die Schlacht.


Lied der Einsamkeit

Sie wölbt um meine Seele Kathedralen,
Sie schäumt um mich wie brandend Meer,
Der Gosse sperrt sie sich wie eine Wehr,
Und wie ein Wald beschützt sie meine Qualen.

In ihr fühl' ich die Süße abendlicher Stille,
Auf leeren Stunden blüht sie maienliches Feld,
Ihr Schoß gebiert das Wunder der geahnten Welt,
Ein stählern Schwert steilt sich metallner Wille.

Sie schmiegt sich meinem Leib wie schlanker Frauen Hände,
In meine Sehnsucht perlt sie aller Märchen Pracht,
Ein sanftes Schwingen wird sie hingeträumter Nacht . . .

Doch ihre Morgen lodern Brände,
Sie sprengen Tore schwerer Alltagszelle,
Einstürzen Räume, aufwächst eisige Helle.


Fabrikschornsteine am Vormorgen

(Dem Andenken des erschoßnen Kameraden Lohmar, München)

Sie stemmen ihre schwarze Wucht in Dämmerhelle,
Gepanzert recken sie sich drohendsteil,
Sie spalten zarte Nebel wie getriebner Keil,
Daß jeder warme Hauch um sie zerschelle.

Aus ihren Mäulern kriechen schwarze Schlangen
In blasse Fernen, die ein Silberschleier hüllt.
Sie künden lautlos: »Wir sind Burg und Schild!
Die Gluten winden sich, in uns gefangen.«

Der Morgen kündet sich mit violettem Lachen,
Den Himmel füllt ein tiefes Blau,
Da gleichen sie verfrornen Posten, überwachen,

Und werden spitz und kahl und grau,
Und stehen hilflos da und wie verloren
Im lichten Äther, den ein Gott geboren.


Nächte

Die Nächte bergen stilles Weinen,
Es pocht wie schüchtern Kindertritt an deine Wand,
Du lauschst erschreckt: Will jemand deine Hand?
Und weißt: Du reichst sie nur den Steinen.

Die Nächte bergen Trotz und Stöhnen,
Und wilde Sucht nach einer Frau,
Die Not des Blutes bleicht dich grau,
Aus Träumen blecken Fratzen, die dich höhnen.

Die Nächte bergen niegesungne Lieder,
In Nachttau blühn sie, samtne Schmetterlinge,
Sie küssen die verborgnen Dinge,

Du willst sie haschen und sie sind verweht,
Kein Weg ist, der zu ihnen geht.
Nie hörst du ihre Melodien wieder.


Ein Gefangener reicht dem Tod die Hand

Erst hörte man den Schrei der armen Kreatur.
Dann poltern Flüche durch die aufgescheuchten Gänge,
Sirenen singen die Alarmgesänge,
In allen Zellen tickt die Totenuhr.

Was trieb dich, Freund, dem Tod die Hand zu reichen?
Das Wimmern der Gepeitschten? Die geschluchzten Hungerklagen?
Die Jahre, die wie Leichenratten unsern Leib zernagen?
Die ruhelosen Schritte, die zu unsern Häuptern schleichen?

Trieb dich der stumme Hohn der leidverfilzten Wände,
Der wie ein Nachtmahr unsre Brust bedrückt?
Wir wissen's nicht. Wir wissen nur, daß Menschenhände

Einander wehe tun. Daß keine Hilfebrücke überbrückt
Die Ströme Ich und Du. Daß wir den Weg verlieren
Im Dunkel dieses Hauses. Daß wir frieren.