HACKS, Peter
Vanitas
Habichtschatten überm Hühnerstalle
Das Gemälde ist von Hondecoeter.
Ja, so schweben sie, die Sterbegötter,
Unerraten bis zum Niederfalle.
Manchmal vor durchsonntern Blau
Ahnt man ihre bösen Silhouetten.
Eines Tags dan sieht man sie genau.
Aber dan ist enig mehr zu retten.
Eitel, spricht die Weisheit im Barocke,
Ist das Leben und vom Tod gerändert.
Auch bei uns hat sich das kaum geändert.
Nur wir hängen nicht mehr an die Glocke.
Beeilt euch, ihr Stunden
Beeilt euch, ihr Stunden, die Liebste will kommen.
Was trödelt, was schleppt ihr, was tut ihr euch schwer?
Herunter da, Sonne, und Abschied genommen.
Verstehst du nicht, Tag, man verlangt dich nicht mehr.
Mit seinen Droschken und Schwalben und Hunden
Wird mir das ganze Leben zum Joch.
Schluß mit Geschäften. Beeilt euch, ihr Stunden.
Und wärt ihr Sekunden, ich haßte euch noch.
Ich kann nicht erwarten, den staunenden Schimmer
In ihrem zärtlichen Auge zu sehn.
Verschwindet, ihr Stunden, am besten für immer.
Die Liebste will kommen, die Welt soll vergehn.
Laß mir deiner Blumen eine
Laß mir deiner Blumen eine, eine nur aus deinem Strauß,
Oder ich fall um und weine mir vor Gram die Augen aus.
Schenk mir einen Blick beim Scheiden, wenn ich geh in fremdes Land,
Oder sprich: Ich mag dich leiden, oder nimm mich bei der Hand.
Gib mir einen Kuß zum Scheine, eine einzige Silbe sprich.
Lass mir deiner Blumen eine und den Wahn du liebtest mich.
Seit du dabist auf der Welt, seit du mit mir lachst und schweigest,
Seit du mit mir liegst und steigest, seit auf dich mein Jammer fällt.
Und in blöder Tage Lauf kämpfend du mit mir ermüdest,
Lächelnd, Himmlische, als lüdest du dir eitel Wonne auf.
Weiß ich endlich, was mich hält, daß ich nicht in Tollheit ende.
Ganz verbindlich schüttl` ich Hände, seit du dabist auf der Welt.
Als mein Mädchen zu Besuch kam, unerwartet wie ein Lied,
Als ich sie dann auf das Tuch nahm, das mein Bette überzieht.
Als die Frösche und die Vögel munter quarrten in der Nacht,
Habe ich von Gottes Regel besser als zumeist gedacht.
Als mit Lachen und mit Stöhnen, als mit zärtlichem Gelüst
An der Schönheit meiner Schönen ich mich noch nicht sattgeküßt,
Als der Morgensonne Prangen aus den Wiesen sich erhob,
Wußte ich dem Unterfangen seiner ganzen Schöpfung Lob.
Diese Nacht war von den Nächten, wo der Mensch die Liebe spürt,
Wo die Knoten sich entflechten, die man ihm ums Herz geschnürt.
Als mein Mädchen zu Besuch kam, unerwartet wie ein Lied,
Und wo ich sie aufs Tuch nahm, das mein Bette überzieht.
Der Mensch kein Vogel
Ich lag mit dir, und im Begriff, zu Bette,
Mich stark nach unsres Hierseins Sinn zu fragen,
Da hört ein Klatschen ich und Flügelschlagen.
Zwei Tauben balzten auf dem Fensterbrette.
Wie ganz erfaßt! Wie aufgerührt vom Drange!
Doch jetzt, wieso? Sie gehn zur Feuerleiter
Und scharren dort und kennen sich nicht weiter.
Es war nicht schlecht. Nur währt es wohl nicht lange.
Der Tauber gähnt und kratzt sich an der Haube
Und hatte kurze Not, sich abzukühlen.
Ich sprach: viel Redlichkeit, doch wenig Taube.
Die Liebe, die ich nur zu fühlen glaube,
Ist zehn Mal mehr, als was die Bestien fühlen.
Und ich begann, mich gern in dich zu wühlen.
Schneezeit
Was soll Materie, wo Menschen hausen?
Das Wasser fror zu Schmutz. Der Winter war,
Schon als ich jung war, mir ein rechtes Grausen.
Die Hochbahn klappert laut und sonderbar.
Die Fußabtreter miefen auf den Treppen,
Unten ums Eck weiß ich ein Biercafé.
Ein Kind läßt sich auf einem Schlitten schleppen.
Ein Moppel riecht erfreut am feuchten Schnee.
Ein Wirt hat mir ein kaltes Bier gezapft.
Vor einem Himmel, hell mit Rauch verhangen,
Stehn wie aus schwarzem Glas, weiß überfangen,
Die kahlen Bäume. Trotzig blickend stapft
Der Proletarier mit vergrabnen Händen
Die Gas-AG schreibt fette Dividenden.