MÜLLER, Inge
Nachts recken sich die Strassen
Und sind frei; sie laufen überallhin.
In einer Stunde kannst du
Vom Brandenburger Tor nach China laufen
Oder, wenn der Asphalt nass ist, rutschst du
Vom Alexanderplatz auf den Mont Blanc
Nachts sammeln sich die Ungeduldigen
Zum Kreuzzug in die Freiheit
(Die wir schon angebrochen haben)
Denn nachts ist alle Theorie grau
Herausfällt Licht und Schatten. Da
Stehn die toten Seelen auf und ziehn
Legionen Rattenfüße ohne Gleichschritt
Vorbei an den Gardinen satter Schläfer
Zum großen Lethefluss.
Nachts ist der Tag das Kinderlachen des Vergessens
Der produktive Schlaf der Unbewussten
Nachts wird der Tag geboren und geprüft
Gestorben und geweckt von Helden und betrunknen Sängern
Vom stummen Dichter und vielleicht
Von einem Mädchen am Kanalgeländer
Das eine tot getanzte Liebe
Vom Herzen weint ins Abwässerwasser
(Wo silbermäulige Laternenfische von Meer zu Meer
Mit ihren Tränen spielen) bereit
Zum Kampf um eine neue Liebe …
Nachts gehn grüne Sterne auf den Dächern um
Katzen, die den Mond nicht vergessen können
Und die zusehn, Träumer, werden wach und
Schreiben am Morgen
Masken
Ich weigre mich Masken zu tragen
Mich suche ich
Ich will nicht dass ihr mich nachäfft
Ich suche unser Gesicht
Nackt und veränderlich.
Nicht Tränen nicht alle Wetter
Waschen die Larven uns ab
Kein Feuer kein Gott wir selber
Legen uns ins Grab.
Ein Mensch steht an der Mauer
Siebenköpfig ist sein Tod:
In vierzehn Menschenaugen
Schneller als das Eisen
(Aus den vierzehn Händen)
Ist der Schrei aus dem zerschlagenen Mund:
Brüder, ihr erschießt euch selber!
Ein Mensch fällt an der Mauer.
Ein Gewehrlauf weist zitternd
In den weiten Himmel :
Gelenkt von zwei Händen
Die blieben sauber
Und sie legten sie in Fesseln.
Morgen steht wieder ein Mensch
An der Mauer.
Heimweg 45
Übriggeblieben zufällig
Geh ich den bekannten Weg
Vom Ende der Stadt zum andern Ende
Ledig der verhassten Uniform
Versteckt in gestohlenen Kleidern
Aufrecht, wenn die Angst groß ist
Kriechend über Tote ohne Gesicht
Die gefallene Stadt sieht mich an
Ich seh weg. Neben mir streiten fünf Kinder
Um ein Banknotenbündel
An der Ecke wird die Bank auf die Straße geschüttet
Die nie zum Sparen kamen nehmen die Sparkasse in Besitz
Stopfen die leeren Kleider aus mit bedrucktem Papier
Gegen die Kälte.
Der Traum vom Brot geht um, macht mutig die Angststarren
Treibt die Langsamen vor
Lässt die Sieger nicht ausruhn auf dem Sieg
Und die Besiegten sperren die Hände auf:
Wer ist der Preis, wer wird den Preis machen
Wir?
Übriggeblieben zufällig
Geh ich den Heimweg vom Ende der Stadt
Zum andern Ende.
Wie
Wie kann man Gedichte machen
Lauter als die Schreie der Verwundeten
Tiefer als die Nacht der Hungerden
Leiser als der Atem von Mund zu Mund
Härter als Leben
Weich wie Wasser das den Stein überlebt ?
Wie kann man keine Gedichte machen ?
Da ist die Brücke
Und ich seh dich gehen
Über die Planken aus Holz.
Drei fehlen in der Mitte.
Ich reiche dir die Hand
Und du siehst sie nicht.
Du siehst das Wasser unter dir
Und den Wind, der stark ist.
Da zittert meine Hand
In der Mitte zwischen Wasser
Und Wind.
Und da ist die Brücke.
Ins Wasser blickend sah ich
Deine Augen, die mich suchten. Da
Fand ich mich. Und ich fürchtete den Wind
Nicht mehr. Er trägt uns
Die sich an den Händen halten.
Ich seh dich so am Schreibtisch sitzen: gebeugt
Unter der Last deiner Gedanken, ausruhend
Von den hetzenden Träumen der zu kurzen Nächte,
Du gönnst dir keine Ruhe. Widerwillig
Gibst du zurück, was du errafft hast; unerbittlich
Wie die Zeit und mit kindlicher Gier, naiv auch
(Dass viel Bodensatz ins Netz geraten ist und Schlamm
Den herzugeben Kindern immer schwer ist) kerbst du
Furchen in den weißen Acker, fluchend: He, Papier
Ist keine Erde! Und Bach hatte sein Gloria Patri. Ja
Wie geschickt der Brecht die Fugen ausgezahlt hat und
Den Mörtel hingeschmissen: ihr nach mir mauert weiter
Kein Stein kein Kalk, wenn ihr nicht auf die Hände seht
Und die fünf Finger. Wer hat die Große Mauer aufgebaut?
Und du sezierst mit kaltem Lachen auch dein Ich
Und weißt, die Hungernden schrein nach dem Leib.
Ein Vogel auf dem Fenstergitter stört dich, sekundenlang
Ist da die Angst der Neugeborenen in deinen Augen
Und du greifst nach dem Bleistift wie nach meiner Hand
(Wie ich nach deiner greife. Manchmal.)
Und du erinnerst dich, dass ich des Vogels Namen weiß
(Vielleicht sogar lateinisch, was ich sonst nicht weiß)
Und wie er singt. Beruhigt malst du dein Gesicht
Auf eine Streichholzschachtel und nimmst eine neue Zigarette
Und schreibst mit unserm Blut die Chronik dieser Zeit.
Legende vom toten Maurer
Als sie fanden was übrig war von ihm zwischen Mauer
Und Mauer, rief einer: ein Hockergrab, Genossen
Ein historischer Fund, grabt vorsichtig, sucht
Auch nach Schätzen und Zeichen. Ein andrer fragte: gab es
Mietskasernen zur Steinzeit ? Und sie wunderten sich über
Den Toten im Stein.
Wenn ich schon sterben muss
Wenn ich schon sterben muss
Will ich noch einmal
Mit euch durch den Wald gehn
Und vorbei am See in Lehnitz oder
Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn:
Himmel
Berge
Meer
Arbeiter und Landstreicher
Äcker und Großbauplätze
Städte am Morgen und bei Nacht
Den alten Chinesen, der das ABC lernt und das Schreiben
An der Hand seines Enkels;
Vom Flugzeug aus sehn: die Haut der Welt...
Da werd ich viel zu glücklich sein
Zum Sterben.
Himmel und Hölle
(Freunde 3)
Himmel und Hölle auf die Straße gemalt
Das warst du
Ich sah zu
Mir war der Himmel zu klein
Mit der Wunde am Bein
Für mich hast du den Zweihimmel gemacht
Ich hab drei Küsse gezahlt.
Und alle Kinder im Haus
Lachten dich und mich und den Zweihimmel aus.
Mond neumond deine sichel
Mond neumond deine sichel
Mäht unsre Zeit wie Gras
Wir stehn aufrecht im Himmel
Auf dünnem Stundenglas.
Der Stern geht seine Wege
Wir suchen unsern Weg
Wenn ich mich niederlege
Geh über mich hinweg.
Bilanz
Mein Sehn und Tun und Nachgedacht
Was hats eingebracht:
Fürs Tun gabs wenig
Fürs Nachdenken keinen Pfennig
Mein Bett hab ich im Freien gemacht
Und in der Nacht gelacht
Geweint auch und die Stimme klang
Tausendstimmig wild ein Schlachtgesang
Gegen Stein und Bein
Mein und Dein
Alles und allein sein.
Morgens sah ich die Sonne stehn
Und ging Fuß vor Fuß wie alle gehn
Wieder die Straße entlang.
Gedicht
33 war ich ein gläubiges Kind
Meine Eltern warn gut und fleißig
Erwachsen wurde ich 39
Als der Krieg anfing.
Gehört hatte ich jenes und dieses
Gegen Hitler und dann für Stalin
Sah: der tat was und er ließ es
Als es ging auf ihn.
Meine erste Liebe war als der Krieg anfing
Und da ging er in den Krieg
Ich weinte und war ein dummes Ding
Im Verhältnis zur Nation sehr gering.
Bevor er fiel kam er zu mir
Ganz zerrissen vom Morden
Ich wußte nichts beßres als: bleib doch hier
Glücklich sind wir nicht geworden.
45 war jeder ein Greis
Ich wollte nicht leben und nicht sterben
Ich sah das Erbe ohne Erben
Und der Einsatz war der Preis.
Weil ich gehen mußte ging ich
Suchte Grund
Und ich dachte an die Bäume im Park
Und an seinen zärtlichen Mund.
Bomben und Kanonen
Lehrten mich Geduld
Und die Blutenden schonen
Und nachdenken: was ist Schuld.
Unterm Schutt I
Unterm Gebell der Eisenrohre schlief ich
Schon im Griff der Erde
Das Kind Moses im Kästchen treibend
Zwischen Schilf und Brandung
Und wachte auf als irgendwo
Im Herz der Kontinente
Rauch aufstieg aus offenem Meer
Heißer als tausend Sonnen
Kälter als Marmorherz.
Auf sechzehn Füßen ging ich
In die Mitte genommen
Den ersten Schritt gegen den Staub
Unterm Schutt II
Und dann fiel auf einmal der Himmel um
Ich lachte und war blind
Und war wieder ein Kind
Im Mutterleib wild und stumm
Mit Armen und Beinen die ungeübt stießen
Und griffen und liefen
Bilder ringsum
Kein Boden kein Dach
Was ist – verschwunden
Ich bin eh ich war.
Ein Atemzug Stunden
Die andern! Ein Augenblick hell wie im Meer
Da klopft einer –
Den Globus her!
Daß ich mich halte
Brücken Land Pole
Millionen Hände brauch ich
Mich trägst du nicht, Tod, ich mach mich schwer
Bis sie kommen und graben
Bis sie mich haben
Du gehst leer.
Unterm Schutt IIII
Als ich Wasser holte fiel ein Haus auf mich
Wir haben das Haus getragen
Der vergessene Hund und ich
Fragt mich nicht wie
Ich erinnere mich nicht
Fragt den Hund wie.
Der Apfelbaum
Der Apfelbaum da steht er
hoch ist er drei, vier Meter.
Hans sitzt oben drauf.
Hans paß auf –
Fall nicht in den Himmel!
Freunde
Im Zimmer geblieben
Ist der Tabaksrauch
Ihr geht, gern ging ich auch
Und wenns zum Fenster wär
Die Gardine zur Seite schieben
Im Schnee unterm Wind beugt sich ein Strauch
Das Eis am Fenster schluckt mein Hauch
Ich seh eure Schatten wandern
Einer vor über in dem andern
Die Wände um mich geben keinen Ton
Wo sind eure Stimmen? Kein Echo? Schon
Ist alles leer, ich find nicht was ich hab
Und geh und wasche für morgen
Die Teetassen ab.
1945
Ich sah die Welt in Trümmern
Noch hatte ich nichts von der Welt gesehn
Ich sah den Tod und die Gewalt
Noch eh ich jung war, war ich alt
Und wußte, ohne zu verstehn.
Ich lernte Tote bergen
Lernte, Ertrunkene tragen (schwere Last)
Die Halbertrunkenen im Wege lagen
Den Fluß versperrend, so lernt ich laufen ohne Rast
Und Weinen ohne Tränen und Hassen
Eh die Liebe in mir einen Ausweg fand
Und war kein Lebendes das mir beistand
Wenn ich immer wieder fiel und aufstand weil da noch
Eins war, was mich nicht liegenließ
Das Fädchen, an dem aufgereiht
Wir alle hingen, wir, Zeugen, Samen
Dünner Faden gedreht aus Menschenhaut der sang
Und Hoffnung hieß und Brot und morgen weiterleben
Die Formel stand im zart gemeißelten Gipsgesicht des toten Fährmanns
In den weit offnen blinden Augen.
Brief einer Wehrmachtshelferin
Heute bin ich Soldat
Soll alles vergessen und schießen
Gestern saßen wir vor der toten Stadt
Du und ich dir zu Füßen.
Mein Kleid bringt die Post zurück
Ich komme vielleicht nicht wieder
Pflicht und Soldatenglück
Ich hasse Soldatenlieder.
Die Uniform auf mir und ein Gewehr
Eine Gasmaske und zwei Decken
Ich seh mich im Spiegel nicht mehr
Vorm Tod kann man sich nicht verstecken.
Jetzt weiß ich mehr von dir
Weiß wie uns die Männer verlassen
Blind vom Sieg oder blind vom Bier
Tod unterm Befehl: Hassen.
Ich lerne wie du im Gleichschritt gehn
Kann man Hassen lernen?
Soldaten sah ich an Laternen stehn
Soldaten hingen an den Laternen.
Die Nacht sie hat Pantoffel an
Aus Tierhaut und aus Gold
Im Stiefelschritt marschiert der Tag
Der unsre Nacht einholt.
Wenn morgen früh im Dämmerlicht
Der Star vom Dachrand schreit
Bleibt dein Gedicht und mein Gedicht
Wir und die Nacht sind weit.