COTTEN, Ann



Begriff


Darf ich den Sommertag mit dir vergleichen?

Er geht zu Ende während mein Sonett beginnt.

Sonett beginnend während Tag verrinnt,

darf ich den Sommertag mit dir vergleichen?


Die Angst, es könnte gilben und verbleichen

das Blatt, auf dem das Gold zu Blau gerinnt,

vergeht, wenn dein Profil Kontur gewinnt,

dir Wörter ähneln, Ebenbilder gleichen.


Zum Ersten ist jetzt vorerst Mai,

so ungetrübt gefiltert deine Strahlkraft

wie eine Sonne, der man noch nicht müde ist.


Zum Zweiten ist dein Haar wie Flachs, und ist

dein Mund wie Wolken, durch die Sonne kraft-

und friedestrotzend bricht, als ob es Sommer sei.


Und strahlend da wie Mittag ist dein Leib,

quadratisch wie ingeniös vermessen,

gestochen wie aus Gotteslästerung dein Auge.


Wahr und präsent, solange ich hier bleib,

und breit und warm, wie ich dabei gesessen,

schreib ich dich, während ich auf Wolken schaue.


Solange ich vertraue, sind die Tage hier,

Verlangen ich implementier, verbaue Schweigen.

An Orten fehlts dir nicht, mir nicht an Wegen,

die Stellen deiner Haut zu stillen auf Papier.


Und solltest du ver- oder auch nur gehen,

dank dieser Eselsbrücke weiß ich, wie du bist.

Künftige Generationen werden dich in etwa sehen

und ich werd immer wissen, wie ein Sommertag ist.



Unendlicher Spannteppich (des VIP-Empfangsraums)


Hier werden Noppen, nein, wie soll man sagen,

hier werden Schlaufen angebaut. Auf ihnen

gehen Diplomaten und wir. Und unten geht es

je Schlaufe einmal senkrecht hoch – die Jugend -

und biegt sich um und kruemmt sich wieder in den Staub.

Und jede Schlaufe fuehrt zu einer neuen Schlaufe,

an der man ziehen könnte, um die erste zu verkleinern.

Und jede ist selbst ein Gemisch von Fäden,

die schlängeln sich und eilen unaufhörlich,

sich und einander festigend in ihren Meinungen.

Such ich von oben Muster in der öden Wust,

kann ich nur streicheln, streicheln,

die Finger in das kraulen, was dann nachgibt,

meine Gedanken verwirrt und alle Tränen aufsaugt.



Was für neugierige Tiere


Niemand lebt von ihrem blassen Fleisch,

eigentlich können sie nur alles falsch machen.

Verschlucken Haken, ohne zu krepieren,

werden von Monofilamenten zerrissen.

Zerquetscht in Schleusen, in Schutzen

vor Fluten zerstückelt, eingezwängt in

Wasserregulierungseinrichtungen, tot

durch Unterführungskanäle geschoben,

fatal verstrickt in Treibnetzen und Reusen,

bringen red tides sie um,

Blüten von Algen vertragen sie nicht.


Sie mögen warmes Wasser, sie leben

in wilder Ehe mit kalorischen

Betrieben, untersuchen

die Wärmequelle, werden

von Propellern in Teile zerlegt.

Oft kratzen sie Kiele, und sie sterben

viel später an Infektionen oder

Blutungen der inneren Organe.



Extension, Besitz


Dein Name macht sich breit und war dabei weiland

Was heißt? Vor kurzem noch warst du für mich Fremdwort.

Jetzt kann ich kaum ein Wort sehn, ohne dass du mir

für alles einstehst, was mir fehlt, und kein Lachen

verklingt, bei dem du nicht an seinem Grund lauerst;

der Reim verfliegt, das Versmaß scheitert und da stehst

du, umlaubt von trashigen Sonettkränzen,

und kauzig macht nen Kratzfuß dein Begriff, fliehend.


Es bleibt allein das Bild von deinem Verschwinden

in Versen mir zu singen hinter deim Rücken,

vielleicht dem Schönsten an dir überhaupt, oder

eher dem Einzigen, was mir zu besingen

bleibt, da du verschwunden, dein p.t. Name

mir keineswegs über die Lippen – Schrift? niemals!


Und doch: in Fremdwörtern such ich nur dein Sprechen,

den Rücken, der Ersatz für jedes Wort wäre.

Anstelle dieses Schweigens muss ich trüb schwatzen,

die Hoffnung lassen, leidig Zeilen versuchen,


dies leise, stete Proben einzelner Wörter,

das nächste, das ich deinem Schweigen je komme.

Dabei dient als Modell mir dein p.t. Rücken

für alles, was als Idealkonstrukt schimmert.


Verknackst du mir die Welt, in der ich lebe,

hab deinen Namen immerhin ich und liebe

den Klang, der fremdelnd tönt von irgendwo, lachend

allen Versuchen ins Gesicht. Ein fremd Wörtchen

genügt, um dich zu rufen ins Gedicht mir und

deines erklärt zwar nichts, aber verspricht Vieles.



Verteidigungsreden


Sie fauchen wie aus ratlosen Motoren,

das Öl will bloß hinaus und spuckt

Vokabel, um sie loszuwerden

wie toter Mauser Pfoten.


Der tote Mauser liegt am Brunnenrand

und klaubt die Steine nah am klammen Herz.

Die kleinen Pfoten wurden überfahren

von keines Mannes ratlosen Motoren.