REYER, Sophie



Mutter brennt

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Dann passiert alles gleichzeitig: Sie zerteilt sich, spaltet sich in mehrere Frauen auf. Sie macht Erfahrungen, sie liebt, sie brennt, sie verzweifelt. Sie bringt Kinder zur Welt. Sie ist die Summe aller Möglichkeiten, die sie gehabt hätte. Jetzt und in vielen Jahren. Alles zieht rasch an ihrem inneren Auge vorbei: wachsen, lieben, hassen, vergehen. Schock, Ohnmacht, Wut, Trauer, Verzweiflung. Alles schiebt sich ineinander, rast in ihrem Kopf. Menschen, Bilder, Erfüllungen, Abschiede, Neuanfänge. Sie wird zerteilt in Frauen, Männer. Einmal ist sie eine Hausmeistertochter, dann ein Mädchen, das wahnsinnig wird.

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Hexensommer

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Bald kommt der Sommer«, meinte die Amme da, und: »Heiß ist‘s!«, während sie für einen Moment innehielt. Charlotte nickte und lächelte. Sie liebte den Sommer, dann hing Leichtigkeit in der Luft. Schön war er, ganz anders als der Herbst. Alles tröstete: die Buntheit der Blumen, das Erwachen der Vögel. Vielleicht, damit der Tod ihnen nicht so schwerfiel im Winter, dachte Charlotte da und sah sich um. Jede Stelle im Schlossgarten war hell. Überhaupt war alles hell in der Natur. Nur die Erwachsenen hatten starre Züge, sie verdunkelten manchmal den Tag. Die Blumen aber waren schön. Und sie wurden von Elfen bewacht, hatte die Amme erzählt.

Charlotte ließ sich von der Amme in den Arm nehmen und gemeinsam bewegten sie sich eine Dornenhecke entlang. Charlotte betrachtete die Blumen, nach denen sie hieß: Rose.

»Warum sind die Blüten im Winter tot?«, fragte Charlotte da, mit einem Mal nachdenklich geworden.

Der Busen der Amme wogte, sie drückte zärtlich Charlottes Körper an ihre atmende Haut und lächelte.

»Die Elfen selbst sind es, sie küssen den Tod auf die Blumen!«, erklärte sie

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