VOGELWEIDE, Walther von der


Gêrhart Atze

Mir hat Herr Gerhart Atze

mein Pferd erschossen zu Eisenach.

Ich zog sogleich vor das Gericht,

Und wer da saß, ihr glaubt es nicht:

Ein Mann aus dem Regierungsamt,

in dessen Dienst – Herr Atze stand.

Drei Goldmark war das Pferd wohl teuer.

Was nun geschah, war ungeheuer,

hört, wie sich der Herr Atze wand,

als es ans Zahlen ging. Er hob die Hand

und sagte, dass meine liebe Mähre

verwandt mit einem Pferde wäre,

das ihm den Finger einstmals ab

gebissen hat. Ich schwör bei meiner Ehre,

dass die angeblich verwandten

Pferde sich nicht mal kannten.

Doch steh ich ohne Zeugen.

So muss das Recht sich beugen.


Herzeliebez frowelin


Allerliebstes Fräulein,

Gott schenke dir heute und für immer Heil!

Wenn ich deiner besser gedenken könnte,

so würde ich dies mit großem Eifer tun.

Was kann ich nun aber weiter sagen,

als dass niemand dir mehr zugeneigt ist? Oh weh, dabei wird mir sehr bange!


Sie werfen mir vor, dass ich

meinen Gesang an eine zu geringe Adresse richte.

Weil sie nicht begreifen,

was Liebe bedeutet, dafür seien sie getadelt!

Die sind nie von der Liebe getroffen worden,

die um den Besitz und die Schönheit willen werben, wehe, wie werben diese?


Die Schönheit geht eng zusammen mit

großem Neid, niemand sollte es zur Schönheit hin zu eilig haben.

Die Liebe ist für das Herz besser,

die Schönheit rangiert erst hinter der Liebe.

Die Liebe bewirkt erst, dass die Frauen schön werden,

das vermag die Schönheit alleine nicht, sie macht das Lieben niemals angenehm.


Ich ertrage es, wie ich es immer ertragen habe

und es auch immer ertragen will.

Du bist schön und besitzt ausreichend viel,

was können sie mir darüber schon erzählen?

Was auch immer sie sagen mögen, ich bin dir zugeneigt

und nehme dein gläsernes Ringlein, als wäre es das Gold einer Königin.


Bist du treu und beständig,

so muss ich mir um dich keine Sorgen machen,

dass du mir etwa jemals Leid

absichtlich zufügen könntest.

Besitzt du jedoch diese beiden Eigenschaften nicht,

so dürftest du niemals mein werden, Oh weh, möge dies nur nicht geschehen!



Ach, erlebt' ich's einmal noch


Ach, erlebt' ich's einmal noch!

Daß wir die Rosen miteinander brächen!

Ach, erlebt' ich's noch zum Heil uns beiden!

Daß wir freundlich wie zwei Liebste sprächen!

Nichts vermöchte uns dann mehr zu scheiden.

Küßte sie mich dann zu guter Stunde

Mit dem roten Munde,

Braucht' an Glück ich nie mehr Not zu leiden.



So war es nie im deutschen Land


So war es nie im deutschen Land,

Mißachtet sind die Alten von den Jungen,

Nun, spottet, spottet nur der Alten!

Das Gleiche wird euch aufbehalten,

Einst, wenn auch euch die Jugend schwand,

Wie ihr nun tut, so tun euch einst die Jungen!

Das ist mir, mir ist mehr bekannt.




Under der linden / Die verschwiegene Nachtigall


Under der linden

an der heide,

dâ unser zweier bette was,

dâ muget ir vinden

schône beide

gebrochen bluomen unde gras.

Vor dem walde in einem tal,

tandaradei,

schône sanc diu nahtegal.

Ich kam gegangen

zuo der ouwe,

dô was mîn friedel komen ê.

Dâ wart ich enpfangen,

hêre frouwe,

daz ich bin sælic iemer mê.

Kuster mich? Wol tûsentstunt:

tandaradei,

seht, wie rôt mir ist der munt.

Dô het er gemachet

alsô rîche

von bluomen eine bettestat.

Des wirt noch gelachet

inneclîche,

kumt iemen an daz selbe pfat.

Bî den rôsen er wol mac,

tandaradei,

merken, wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir læge,

wessez iemen

(nû enwelle got!), sô schamt ich mich.

Wes er mit mir pflæge,

niemer niemen

bevinde daz, wan er und ich,

und ein kleinez vogellîn -

tandaradei,

daz mac wol getriuwe sîn.





Unter der Linde auf der Heide,
wo unser gemeinsames Bett war,
könnt ihr es noch sehen:
gebrochene Blumen und gedrücktes Gras
vor dem Wald in einem Tal -
Tandaradei -
wie schön hat die Nachtigall gesungen.

Ich kam zu der Wiese
da kam auch mein Liebster hin
und empfing mich als Frau - O, Heilige Maria,
wie hat er mich selig gemacht!
Ob er mich geküßt hat? Wohl tausendmal!
Tandaradei!
Seht wie rot mein Mund geworden ist.

Er hatte mit sehr viel Liebe
ein Bett aus Blumen gebaut,
erst wurde (nur) gelacht, sehr verliebt...
käme jemand an diesen Pfad,
könnte er wohl an den Rosen merken,
Tandaradei!
was wir getrieben haben.

Daß er mit mir geschlafen hat, wüßt' es jemand,
- um Gottes Willen - ich schämte mich,
was er mit mir angestellt hat, niemals,
niemals sag ich's, das bleibt unter uns
und die kleine Vögelei *-
Tandaradei -
die wird wohl verschwiegen bleiben



Übersetzung : Martin Schlu




Ich saß auf einem Steine

Ich saß auf einem Steine

und deckte Bein mit Beine,

Den Ellenbogen stützt ich auf

Und schmiegte in die Hand darauf

Das Kinn und eine Wange.

So grübelte ich lange:

Wozu auf Erden dient dies Leben? ...

Und konnte mir nicht Antwort geben,

Wie man drei Ding erwürbe,

Daß keins davon verdürbe.

Die zwei sind Ehr und irdisch Gut,

Das oft einander Abbruch tut,

Das dritte Gottes Segen,

Der allem überlegen.

Die hätt ich gern in einem Schrein;

Doch leider kann dies niemals sein,

Daß weltlich Gut und Ehre

Mit Gottes Gnade kehre

In ganz dasselbe Menschenherz.

Sie finden Hemmnis allerwärts;

Untreu hält Hof und Leute,

Gewalt geht aus auf Beute,

Gerechtigkeit und Fried ist wund,

Die drei genießen kein Geleit,

Eh diese zwei nicht sind gesund.




Owê war sint verswunden

Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr?

Ist mîn leben mir getroumet oder ist ez wâr?

Daz ich ie wânde, daz iht waere, was daz iht?

Dar nâch hân ich geslâfen und enweiz ez niht.

Nû bin ich erwachet und ist mir unbekant,

daz mir hie vor was kündic als mîn ander hant.

Liute unde lant, dar inn ich von kinde bin erzogen,

die sint mir fremde worden reht als ob ez sî gelogen.

Die mîne gespiln wâren, die sint traege unde alt.

Bereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt.

Wan daz daz wazzer fliuzet als ez wîlent floz,

für wâr ich wânde mîn ungelücke wurde grôz.

Mich grüezet maniger trâge, der mich bekande ê wol.

Diu welt ist allenthalben ungnâden vol.

Als ich gedenke an manigen wünneclîchen tac,

die mir sint enpfallen als in daz mer ein slac,

iemer mêre ouwê.

Owê wie jaemerlîche junge liute tuont,

den ê vil wünneclîche ir gemüete stuont.

Die kunnen niuwan sorgen, ouwê wie tuont si sô?

Swar ich zer werlte kêre, dâ ist nieman vrô.

Tanzen, singen zergât mit sorgen gar.

Nie kristen man gesach sô jaemerlîchiu jâr.

Nû merkent wie den frouwen ir gebende stât,

Die stolzen ritter tragent dörpellîche wât.

Uns sint unsenfte brieve her von Rôme komen.

Uns ist erloubet trûren und fröide gar benomen.

Daz müet mich inneclîchen sêre, (wir lebten ie vil wol)

daz ich nû für mîn lachen weinen kiesen sol.

Die wilden vogel betrüebet unser klage.

waz wunders ist ob ich dâvon verzage?

Waz spriche ich tumber man durch mînen boesen zorn?

Swer dirre wünne volget, der hât jene dort verlorn.

Iemer mêr ouwê.

Owê wie uns mit süezen dingen ist vergeben!

Ich sihe die bittern gallen mitten in dem honege sweben.

Diu Welt ist ûzen schoene, wîz, grüen unde rôt,

und innen swarzer varwe vinster sam der tôt.

Swen si nû verleitet habe, der schouwe sînen trôst.

Er wirt mit swacher buoze grôzer sünde erlôst.

Dar an gedenkent, ritter, ez ist iuwer dinc.

Ir tragent die liehten helme und manegen herten rinc,

dar zuo die vesten schilte und diu gewîhten swert.

Wolte got, waer ich der signünfte wert.

So wolte ich nôtic man verdienen rîchen solt.

Joch meine ich niht die huoben noch der herren golt.

Ich wolte selbe krône eweclîchen tragen,

die möhte ein soldenaer mit sîme sper bejagen.

Möhte ich die lieben reise gevarn über sê,

so wolte ich denne singen wol unde niemer mê ouwê,

niemer mêr ouwê.


O weh, wohin sind sie verschwunden

O weh, wohin sind alle meine Jahre verschwunden!

Ist mir mein Leben erträumt, oder ist es wahr?

Alles, wovon ich je glaubte, es sei etwas, war das etwas?

Demnach habe ich geschlafen und weiß es nicht.

Jetzt bin ich erwacht und es ist mir das unbekannt,

was mir zuvor so bekannt war wie eine meiner Hände.

Land und Leute, bei denen ich von Kindheit an auferzogen worden bin,

die sind mir fremd geworden, so als sei es erlogen.

Diejenigen, die meine Spielkameraden waren, sind jetzt träge und alt.

Bestellt ist das Feld, abgeholzt ist der Wald.

Wenn nicht das Wasser so fließen würde, wie es damals floss,

wahrlich, ich würde glauben, mein Unglück sei groß geworden.

Mich grüßen viele träge, die mich früher gut kannten,

die Welt ist in jeder Hinsicht voll von Unheil.

Wenn ich an viele angenehme Tage denke,

die mir verloren gegangen sind wie ein Schlag ins Wasser:

Fortwährend o weh!
O weh, wie bemitleidenswert sich junge Leute verhalten!

Die, die früher von sehr fröhlicher Laune waren,

die kennen jetzt nur noch Sorgen, o weh, warum tun sie das?

Wo auch immer ich mich auf der Welt hinkehre, dort ist niemand froh:

Tanzen und Singen zerfällt durch Sorgen völlig:

Noch nie hat ein Christ so eine bemitleidenswerte Menge gesehen.

Jetzt seht, wie die Frauen ihren Kopfschmuck tragen,

die stolzen Ritter tragen bäuerliche Kleidung.

Zu uns ist unangenehme Post aus Rom gekommen,

uns ist es erlaubt zu trauern und die Freude völlig weggenommen worden.

Das bekümmert mich innerlich - wir haben immer sehr gut gelebt - ,

dass ich jetzt statt meinem Lachen das Weinen wählen soll.

Die wilden Vögel betrübt unser Klagen,

was für ein Wunder ist es dann, wenn ich dadurch verzage?

Was rede ich dummer Mensch in meinem schlimmen Zorn:

Wer auch immer dieser Freude nachläuft, der hat sie dort verloren.

Fortwährend o weh!

O weh, was uns zusammen mit Süßem gegeben wird!

Ich sehe die bittere Galle in dem Honig schwimmen:

Die Welt ist außen schön, weiß, grün und rot,

und innen von schwarzer Farbe, finster wie der Tod.


Wen auch immer sie jetzt verleitet haben mag, der erblicke seinen Trost:

Er wird mittels einer kleinen Buße von großer Sünde erlöst.

Daran denkt, ihr Ritter, es ist eure Entscheidung!

Ihr tragt die strahlenden Helme und viele harte Kettenhemdringe,

dazu die festen Schilde und die geweihten Schwerter.

Wollte Gott, dass ich des Siegs würdig wäre,

so würde ich armer Mann reichen Sold verdienen wollen,

aber ich meine nicht die Besitztümer noch das Gold der Fürsten.

Ich würde die Krone des Glücks für immer tragen wollen,

die ein Söldner mit seinem Speer erjagen kann.

Könnte ich diese angenehme Reise übers Meer fahren,

so würde ich danach sicher auch niemals mehr oh weh singen!

Niemals mehr o weh




Fro Welt, ir sult dem wirte sagen

Frau Welt, sagt dem Hausherrn,
daß ich ihm alles zurückgezahlt habe.
Meine große Schuld ist beglichen,
er soll mich von der Liste streichen.
Wer ihm noch etwas zu bezahlen hat,

der möge sich Sorgen machen.
Ehe ich ihm noch etwas schuldig wäre,

würde ich mir eher beim Juden etwas borgen.
Er schweigt zu uns bis an jenem Tag,
an welchem er die Strafe austeilt,

wenn jener nicht bezahlen kann.


„Walther, du bist ohne Grund zornig,
bleibe doch hier bei mir.
Erinnere dich, was ich dir erwies,
egal wie häufig du mich darum gebeten hast.
Mir tat es aufrichtig Leid,

daß du das nur so selten tatest.
Erinnere dich, dein Leben war gut.
Wenn du bei mir wirklich aufkündigst,

wirst du nie mehr frohen Mutes sein.“


Frau Welt, ich habe zu gut gelebt,
es ist Zeit, daß ich mich entwöhne.
Deine Zärtlichkeit hat mich beinahe getäuscht,
denn sie gibt viele süße Freuden.
Als ich dich im rechten Lichte betrachtete,
da war deine Schönheit – ohne zu leugnen

– in großer Wonne anzusehen.
Doch da war ebenso sehr die Schande
als ich deine Rückseite erblickte,

daß ich dich immer tadeln werde.


„Wenn ich dich schon nicht mehr abhalten kann,
so erfülle mir doch noch eine Bitte.
Erinnere dich an manchen schönen Tag,
und sieh bisweilen her,
ohne, daß dir die Zeit langweilig wird.“
Das tät ich außerordentlich gerne,

wenn ich nicht deine Falle fürchten würde,
der niemand entgehen kann.
Gott schenke Euch, Herrin, eine gute Nacht,

ich will ein Nachtlager aufsuchen.



Palästina-Lied


Nun erst lebe ich mir würdig,

weil mein sündiges Auge

das hehre Land und auch die Erde sieht,

die man so vieler Ehren rühmt.

Nun ist geschehen, worum ich immer bat:

ich bin an den Ort gekommen,

den Gott als Mensch betrat.


Schöne Länder, reich und herrlich,

welche ich da noch gesehen habe,

du übertriffst sie alle.

Welche Wunder sind hier geschehen!

Dass eine Jungfrau ein Kind gebar,

hoch erhaben über aller Engel Schar,

war das nicht etwa ein Wunder?


Hier ließ er sich rein taufen,

damit der Mensch rein werde.

Dann ließ er sich hier verkaufen,

damit wir Unfreien frei würden.

Sonst wären wir verloren.

Wohl dir, Speer, Kreuz und Dorn(enkrone)!

Weh dir, Heidenschaft! Das erregt deinen Zorn.


Als er sich unser erbarmen wollte,

erlitt er hier den grimmigen Tod,

er, der mächtige, um uns Armer willen,

damit wir gerettet würden.

Dass er das nicht ablehnte,

das ist ein allzugroßes Wunder,

größer als alle anderen Wunder.


Von hier fuhr der Sohn zur Hölle,

aus dem Grab, darin er lag.

Daher, was der Vater immer vereinte

und der Geist, den nichts

von ihnen scheiden kann: sie sind alle Eins,

schlicht und ebener als ein Pfeilschaft,

wie er Abraham erschienen war.


Nachdem er dort den Teufel besiegte,

wie nie ein Kaiser besser kämpfte,

kam er wieder in dieses Land zurück.

Damit begann das Leid der Juden,

weil er, der Herr, ihrer Haft entkam

und man ihn später lebend sah,

den sie erschlugen und erstochen haben.


Danach verweilte er in dem Land

vierzig Tage lang. Dann ging er dahin zurück,

von wo ihn sein Vater ausgesandt hatte.

Seinen Geist, der uns schützen möge,

sandte er sogleich wieder dorthin.

Dieses Land ist heilig,

denn sein Name stammt von Gott.


In diesem Land hat er

einen schrecklichen (Gerichts)tag angekündigt,

an dem die Witwe gerächt wird

und der Waise klagen kann,

und (wie auch) der Arme, von der Gewalt

die man ihm angetan hat.

Wohl ihm dort, der hier vergalt!


(Nicht) wie unsere Landesrichter es täten,

wird da niemandes Klage aufgeschoben,

denn er wird dort zur Stunde richten,

so wird es sein am letzten Tag:

Wer hier irgendeine Schuld

unbeglichen hinterlässt, wie steht der da,

dort, wo er weder Pfand noch Bürgen hat!


Christen, Juden und Heiden

behaupten, dass dies ihr Erbe sei.

Gott müsste es gerecht entscheiden,

durch die drei seiner Namen.

Die ganze Welt bekriegt sich hier.

Wir sind mit unserer Bitte im Recht,

und daher ist es Recht, dass er sie uns gewähre.


Nun lasst euch davon nicht verdrießen,

dass ich noch weitererzählt habe.

Ich will euch die Rede erklären

in aller Kürze und euch wissen lassen,

das was Gott mit den Menschen seither

an Wundern in der Welt begonnen hat,

das hat hier angefangen und wird hier enden.




Si wunderwol gemachet wîp


Si wunderwol gemachet wîp,

daz mir noch werde ir habedanc!

Ich setze ir minneclîchen lîp

vil werde in mînen hôhen sanc.

Gern ich in allen dienen sol,

doch hân ich mir dise ûz erkorm.

ein ander weiz die sînen wol:

die lob er âne mînen Zorn;

hab ime wîs unde wort

mit mir gemeine: lob ich hie, sô lob er dort.


Ir houbet ist sô wünnenrîch,

als ez mîn himel welle sîn.

Wem solde ez anders sîn gelîch?

es hât ouch himeleschen schîn:

Dâ liuhtent zwêne sternen abe,

dâ müeze ich mich noch inne ersehen,

daz si mirs alsô nâhen habe!

sô mac ein wunder wol geschehen:

ich junge, und tuot si daz,

und wirt mir gernden siechen seneder sühte baz.


Got hât ir wengel hôhen flîz,

er streich sô tiure varwe dar,

Sô reine rôt, sô reine wîz,

hie roeseloht, dort liljenvar.

Ob ichz vor sünden tar gesagen,

sô saehe ichs iemer gerner an

dan himel oder himelwagen.

owê waz lob ich tumber man?

mach ich si mir ze hêr,

vil lîhte wirt mîns mundes lop mîns herzen sêr.


Sie hât ein küssen, daz ist rôt.

gewünne ich daz für mînen munt,

Sô stüende ich ûf von dirre nôt

unt waere ouch iemer mê gesunt.

Swâ si daz an ir wengel legt,

dâ waere ich gerne nâhen bî:

ez smecket, sô manz iender regt,

alsam ez vollez balsmen sî:

daz sol si lîhen mir.

swie dicke sô siz wider wil, sô gibe ichz ir.


Ir kel, ir hende, ietweder fuoz,

daz ist ze wunsche wol getân.

Ob ich da enzwischen loben muoz,

sô waene ich mê beschouwet hân.

Ich hete ungerne decke blôz!

gerüefet, do ich sî nacket sach.

si sach mich niht, dô si mich schôz,

daz mich noch sticht als ez dô stach,

swann ich der lieben stat

gedenke, dâ si reine ûz einem bade trat.



Sie wundervoll geschaff'ne Frau


Sie wundervoll geschaff'ne Frau,
dass mir noch ihr Dank werde.
Ich preise ihren lieblichen Leib
in meinem Lobgesange.
Gerne würde ich ihnen allen dienen,
doch habe ich mir diese eine auserkorn.
ein Andrer kennt die Seine wohl:
Sie lob er ohne meinen Zorn;
sei ihm Weise und Wort
mit mir gemein: Ich singe hier, er lobe dort.


Ihr Haupt ist so wunderschön
als sollte es mein Himmel sein.
Wem anders sollte es auch gleichen?
Besitzt es doch den himmlischen Schein.
Da leuchten zwei Sterne herab:
Könnt' ich mich doch darin ersehn,
wenn nah an mir sie sind.
Dann mag ein Wunder wohl geschehen:
Jung würd ich wieder werden, tut sie dies,
und ich Liebeskranker frei von Liebessehnsucht.


Got schuf die Wangen ihr mit großem Fleiß,
bemalte sie mit kostbarer farbe,
meit reinem Rot und reinem Weiß,
hier rosenrot, dort lilienweiß.
Und wär's nicht sündiglich,
so sähe ich sie stets lieber an
als Himmel und den Himmelswagen.
O weh, was lob ich Törichter?
Preise ich sie zu sehr, dann
mag leicht meines Mundes Lob meines Herzen Leid werden.


Sie hat ein Kissen, das ist Rot:
Könnt ich das gewinnen für meinen Mund,
so stünd ich auf aus dieser Not
und wäre für immer gesund.
Wem sie das an seine Wange legt,
der beliebt nah ihr zu bleiben:
es schmeckt, so man's bewegt,
als ob es von Balsam wär.
Das soll sie leihen mir
und so oft sie's wieder will, so geb ich's ihr.


Der Hals, die Hände, jeder Fuß,
sie alle sind nach Wunsche wohl getan.
Sollt' ich dazwischen noch etwas loben müssen,
nun, so wähne ich, ich hab mehr gesehen.
Ungern hätt' ich: 'Bedecke dich!'
gerufen, als ich nackt sie sah.
Sie sah mich nicht, als ihr Pfeil mich traf,
so, dass es mich heut noch schmerzt wie einst.
Heut noch preis ich den reinen Ort,
an dem die Schönste aus dem Bade stieg.