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RINGELNATZ, Joachim


Das dunkle Bild

Ein Bild geschwärzt durch Rauch und Zeit.

Die meisten wohl verstanden es nicht:

Ein Tannenwald vereist und verschneit.

Aus fernem Dunkel schimmert ein Licht.

Mir kommt ein heiß Verlangen

Dem Lichtschein nachzugehen

Um dann mit erglühenden Wangen

Still durchs Fenster zu sehen.

Ein Freundeskreis zu später Stund

Umglüht von dämmerndem Ampelschein

Und blonde Frauen in diesem Bund.

Lachende Jugend bei goldenem Wein.

Und bärtige Männer geigen

Lieder aus fremden Ländern.

Süß lockt aus buntem Reigen

Das Rauschen von Gewändern.

Taufrische Blüten duften mild

Und sprühen in Farben wie Geschmeid

Und Augen erzählen trunken wild

Von Liebe, Treue und tiefem Leid.

In Farb und Klang verweben

Sich Bilder, zerfließen, zerschäumen,

Bilder aus meinem Leben,

Bilder aus meinen Träume


Und auf einmal steht es neben dir


Und auf einmal merkst du äußerlich:

Wieviel Kummer zu dir kam,

Wieviel Freundschaft leise von dir wich,

Alles Lachen von dir nahm.

Fragst verwundert in die Tage.

Doch die Tage hallen leer.

Dann verkümmert Deine Klage …

Du fragst niemanden mehr.

Lernst es endlich, dich zu fügen,

Von den Sorgen gezähmt.

Willst dich selber nicht belügen

Und erstickst, was dich grämt.

Sinnlos, arm erscheint das Leben dir,

Längst zu lang ausgedehnt. – – –

Und auf einmal – : Steht es neben dir,

An dich angelehnt – –

Was?

Das, was du so lang ersehnt.