RUPPEL, Lars
Mein Lieber Herr Gesangsverein
Die Tür geht auf und du kommst herein
Mit einem nennen wir's Geschenk in der Hand
Ich sage: "Herzlichen Dank, ich würde ja gern
Aber ich glaub ich sollte vorsichtig sein."
Es kommt natürlich drauf an
Ich bin mal gespannt
Ob da auch drin ist, was die Packung verspricht
Du meinst es wäre ganz schlicht, aber einfach genial
Es klingt verwegen und kein bisschen banal
Ihr könnt euch schon mal drauf freuen
Mein lieber Herr Gesangsverein
Ich wette das geht steil
Da gibt's kein wenn und aber und kein nein
Das schlägt wie eine Bombe ein
Der ganze heiße Scheiß
Es folgen die Details
Ein Wagen fährt vor und du winkst heraus
Mit einem nennen wir es Scheck in der Hand
Du sagst du hättest erkannt
Da geht doch noch mehr
Das sei nicht alles, deshalb wärst du ja hier
Ihr braucht den richtigen Mann und bietest dich an
Es klingt vernünftig und ich glaube auch fair
Also dann künftig zusammen und nicht mehr allein
Du sagst: Hey klopft nicht, sondern kommt einfach rein
Ihr könnt euch schon mal drauf freuen
Mein lieber Herr Gesangsverein
Ich wette das geht steil
Da gibt's kein wenn und aber und kein nein
Das schlägt wie eine Bombe ein
Der ganz große Knall
Das rockt auf jeden Fall
Die Tür geht auf und du kommst herein
Mit einem nennen wir's Geschenk in der Hand
Ich sage: Hochinteressant, ich würde ja gern
Aber ich glaub ich sollte vorsichtig sein
Ihr könnt euch schon mal drauf freuen
Mein lieber Herr Gesangsverein
Ich wette das geht steil
Da gibt's kein wenn und aber und kein nein
Das schlägt wie eine Bombe ein
Der todsichere Hit und alle müssen mit
Heidewitzka
In einem Dorfe fern der Städte
Nahe den Wäldern, immergrün
Wo in Gärten Gänseblümchen
Gänseblümchenduft versprühn
Wo an Fenstern Kuchen kühlen
Die mit Pudding prall gefüllt
Wo das Leben sich gemächlich
Durch die Vorgärten idyllt
Dort wo Omas heimwärts hetzen
Weil um Acht der Jauch beginnt
Wo Menschen die wie Opas aussehen
Opas, und keine Hipster sind
Oh Landlustkatalogverlangen
Man glaubt fast es geht nicht mehr
Welt, hier bist du noch in Ordnung
Wenn da nicht Heide Witzka wär
Heide Witzka hasst die Menschen
In ihr pumpt ein Herz aus Stein
Kaltes Blut durch dürre Adern
In ein böses Hirn hinein
Im Seidenkukluxklanpyjama
Schleicht sie nachts in Gärten rum
Tritt mit ihren Springerstiefeln
Gänseblümchenbabys um
Man erzählt sich in den Kneipen
Heide Witza kam zu Geld
Durch Welpenweitwurfwettbewerbe
Wo sie Weltrekorde hält
Heide hat mal auf der Kirmes
Kinderschminken offeriert
Und statt bunten Schmetterlingen
Hakenkreuze tätowiert
Bis die Wut der Dorfbewohner
Sich in einem Mob entlädt
Der mit Fackeln und Plakaten
Vor Heidewitzkas Häuschen steht
Ruhe! Es spricht der Bürgermeister:
„Heide, du wirst nun verbannt
Kraft der Macht die mir verliehen
Durch das Bürgermeisteramt
Alle Bürger dieses Dorfes
Wollen, dass du endlich gehst
Wiederkommen darfst du wieder
Wenn du diesen Test bestehst
Bringst du einen Mensch zum Lachen
Ohne Zwang und ohne Kauf
Stehen dir in diesem Dorfe
Wieder alle Türen auf
Heide Witzka packt die Koffer
Vollkommen in Wut entbrannt
Trittt ein letztes Gänseblümchen
Wirft ein Welpen an die Wand
…..
Holger die Waldfee
Jeden Morgen
Wenn tieffliegende Sonnenstrahlen
Am Waldrand erst die Wurzeln kitzeln
Federfein mit hellen Farben
Grafitti in die Rinde kritzeln
Zerbrechen und als Scherbenregen
Den Waldboden mit Glanz bedecken
Mit einem Streicheln die Insekten
Unter Humusdecken wecken
Wenn die Stille, die im Wald zur Nacht
Noch eben jeden Ton verbot
Vertrieben durch den Klang der Welt
Leicht angespielt vom Morgenrot
Verschämt ein Stück zur Seite geht
Und Platz schafft für Konzerte
Akkorde, die das Leben greift
Vom Hörer höchst verehrte
Klänge, wie das Amselzwitschern
Das, wenn man sich konzentriert,
Klingt, als singe eine Orgel
Die im Regen explodiert
Der Strauch, der müde Knospen streckt
Das Weidenkätzchenschnurren
Humus das leis Faulgas furzt
Ein Wühlmausmagenknurren
Asseln, die mit lautem Groll
Nach Kellerschlüsseln suchen
Und von oben raschelt sacht
Das Umblättern der Buchen
Welch Wohlklang, welch Balsam
Oh Waldlebens Lied
Der Tag hat am Morgen
Den ersten Zenit
Der Schöpfung zu Ehren
Erhebet die Ohren
Euch wurde der Tag
Von der Sonne geboren
Kommt alle zum Reigen
Heut wollen wir tanzen
Zum Lobe des Kleinen
Im Großen und Ganzen
Zum Ärger des Einen
Der, der nicht gerne tanzt
Der dessen Wohnung
Bepilzt und verranzt
Der öffnet die verdreckten Fenster
Holt tief Luft und dann kawemmst er
„Halt die Fresse du!“ und droht
Der ganzen Welt mit Hausverbot
Der Herr, der sich so echauffiert
Ist großflächig und unrasiert
Und doch des Waldes treuester Geist
Es ist die Fee, die Holger heißt
Einst war der Holger die Fee aller Wälder
Herrscher der endlosen Baumkronenfelder
Patron aller Wesen, Vetreter des Lebens
Ausgleich im Kreislauf des Gebens und Nehmens
Der Ruhepol des Pendels, das hinter den Dingen
Im rhytmischen Tanz aus harmonischem Schwingen
Die Teile des Puzzles, das einstmals entzweit
Vereint zu Gemälden in Rahmen aus Zeit
Nur Holger, die Welt und ein Beutel voll Samen
Und Jahre die gingen, genau wie sie kamen
So wurde aus Boden, der leblos und kalt
Ein Kind dieser Erde in Kleidern aus Wald
Später, als Menschen in Baumwipfeln lebten
In Haaren und Händen die Harztropfen klebten
Da wusste man noch seine Arbeit zu schätzen
Man lebte gar gerne nach seinen Gesetzen
Und heut hat er Wohnrecht im eigenen Heim
Ist nicht mehr von Nöten und meistens allein
Ein lebendes Denkmal aus schöneren Tagen
Im Wald hat seit Jahren das Forstamt das Sagen
Wie jeden Tag schaut bald sein Alltag vorbei
Voll Seufzern des Saufens und RTL2
Die Waldfee von einst ist nun kaum mehr ein Schatten
Geworfen von Tagen, die Sonnenschein hatten
Im Forstamt am Tisch bei Kaffee und Tee sitzen
In Graustufen aufgereiht Männer mit Schlipsen
Zu allem entschlossen den Rotstift gezückt
Den Arsch bis zur Ritze ins Leder gedrückt
Über dem Schlips ist kein Platz für Gefühle
IKEA braucht Rohstoff zum Bau neuer Stühle
Wir brauchen Stühle und die brauchen Geld:
Alle gewinnen, so leicht ist die Welt
Ein Wildschweinfurz später schon flattern geschwind
Im Rausch der Geschwindigeit Schlipse im Wind
„Hüh“ rufen sie und sie peitschen die Trucks
Der Forstamtschef johlt und schwingt stolz seine Axt
Bis schließlich am Waldrand die Rodhorde hält
Und einer ins amtseigne Megafon bellt
„Hier spricht der Sprecher der Forstamtsinsassen
Wir bitten die Tiere den Wald zu verlassen
Die Baumfällarbeiten beginnen alsbald
Noch fünfzehn Minuten dann wird dieser Wald
Kraft unsrer Äxte zu Kleinholz gemacht
Und dann zur Verstuhlung nach Schweden gebracht“
Die Tiere erstarren, nur Lider, die fallen
Denn Stahl ist viel härter als Schnäbel und Krallen
Das Leben sieht manchmal so hoffnungslos aus
Wie Omas beim Ausflug ins Leichenschauhaus
Doch grad als man Abschied vom Walde genommen
Hören sie Schreie vom Waldrand her kommen
Schon rennt ein Mann mit erhobenen Armen
In Panik vorbei und er fleht um Erbarmen
Dahinter kommt Holger, die Waldfee gerannt
Mit Wut in den Augen und Axt in der Hand
Von weitem sind Rauchwolken gut zu erkenne
Die Seelen der Trucks die am Waldrand verbrennen
Holger verzeiht nicht, er tut lieber weh
Ein echter Chuck Norris im Kleid einer Fee
So erhielt Holger den alten Respekt
Nach so vielen Jahren erfolgreich comebackt
Was lehrt dieses Märchen. Oder ist das Klischee?
Sind wir nicht alle für irgendwen Fee
Unbemerkt wachend und gleichsam bewacht
Geben wir gut auf die Anderen acht
Denn steht einer mal mit dem Rücken zur Wand
Steht dahinter ne Fee mit der Axt in der Hand
Alter Schwede
Im Wald fiel Schnee auf kaltes Holz,
der tagsüber ein wenig schmolz
und nachts gefror zu langen Zapfen.
Bis auf das schwere Schneeschuhstapfen
des durch die Schneeschicht gehenden Schweden
war es still im Wald, der jeden
Schritt, der seine Stille störte,
durch tausend dunkle Ohren hörte
und tausend dunkle Augen sahen
einen alten Schweden nahen und vorübergehen.
Er trug bei sich, gut geschliffen,
der Griff vom Greifen abgegriffen,
eine Axt, eine von jenen
Exemplaren, die in Schweden
die grade 13 Jahre alten
Knaben schon vom Staat erhalten.
Und durch den Widerstand des tiefen
Neuschnees der Polarnacht liefen
ein alter Schwede, seine Axt
und währenddessen starb ein Lachs.
Und Schnee fiel aus dem Firmament
auf einen Weg, den der nur kennt,
der ihn zu allererst gegangen.
Der Schwede und die Axt gelangen
schließlich an den Rande einer
Lichtung, auf der sich ein kleiner
Obelisk aus Stein befand.
Und vor dem Obelisken stand,
verziert mit Runen und Propans,
ein Schrein, aus dem der Lichterglanz
von Kerzen, wie schon jahrelang,
die Dunkelheit der Nacht bezwang.
Der Schwede trat zum Schrein heran,
setzte sich davor und dann
zog er sich in aller Ruhe
zuerst die schneeverklebten Schuhe
und dann den Rest der Schwedentracht
aus und stand nun in der Nacht,
so wie – wer ihn schuf
und hob die Axt hoch wie zum Gotteslob
und murmelte auf Schwedisch jenen
Zauberspruch des alten Schweden,
so wie sicher tausendmal
zuvor bei diesem Ritual.
Nach den ersten Versen stand
der Opa aus dem Schwedenland
auf und tanzte wild im Kreise,
wobei er weiterhin ganz leise
und wie von Sinnen Formeln sprach,
um mit der letzten Silbe nach
Norden hin sich zu verneigen,
sich dem Nordstern nackt zu zeigen,
der Götter Augenlicht zu blenden,
mit unrasierten Männerlenden
und einer Axt in seinen Händen
die Zeremonie zu beenden.
Da schwang der mystisch aufgegeilte
Schwede seine Axt und teilte
geradewegs die erste Fichte,
die er vor die Klinge krichte.
Des Schweden Schläge jäh durchdringen
den stolzen Laib aus Jahresringen,
bissen sich durch die Geschichte,
machten Ring für Ring zunichte,
hackten Kleinholz und entzweiten
zu Holz erstarrte, alte Zeiten
als goss aus einem Holzgewitter
ein Wirbelsturm aus Regensplittern
und als der Fichtenstamm hernach
mit lautem Krach zu Boden brach,
schlug der Schwede weiter auf
den ausgeknockten Baumstamm drauf.
Schwere Schwedenschläge bebten,
Sägespäneschwaden schwebten.
Und als der letzte Schlag verklungen,
warn auch die Schwaden ganz verschwunden.
Und da stand allein im Wald
ein Schwede – müde, nackt und alt.
Und dort, wo eben noch so stolz
die Fichte stand, stand nun aus Holz,
formvollendet, praktisch ein
Musterbeispiel für Design,
das schönste Ende einer Fichte,
ein Meilenstein der Schnitzgeschichte,
ein Werk von Schwedenaxt und -hand
und altem Schwedensachverstand,
so ästhetisch, so genial –
ein Regal.
Ein Möbelstück, wie es der Schwede
seit vielen Jahren so wie jede
Nacht zu sich nach hause trug
und dort mit seiner Axt zerschlug,
denn niemand soll die Tradition,
die seines Vaters Vater schon
an seinen Sohne, als er starb,
mit letztem Atem weitergab,
kennen! Jenen Bund der Schweden,
die nur mit einer Axt aus jedem
Baum ein Möbel bauen können
und die sich selbst IKEA nennen.
Eines nachts jedoch geschah,
als grad alles so wie immer war,
etwas Unvorhersehbares.
Neblig, kalt und finster war es,
als der alte Schwede schwitzend,
nackt an einem Tischchen schnitzend,
eine Fee im Wald entdeckte,
die sich dort vor ihm versteckte.
Ertappt schlich sie zum alten Schweden,
um diesen dann zu überreden,
ihr eine Schrankwand zu kreieren,
sie würde grade renovieren.
Dafür hätt‘ er dann auch drei
Wünsche als Belohnung frei.
Doch der alte Schwede blieb
hart, was sie zur Weißglut trieb.
Immer lauter wurd‘ die Fee,
erhöhte erst sein Wunschbudget,
warf sich dann mit aller Kraft
auf den Schweden, der den Schaft
der Axt der Fee entgegenschlug,
die im vollen Feenflug
mit dem Kopf dagegenprallte
und unsanft auf den Boden knallte.
Und wie sie nach dem schweren Schlag
im Sterben vor dem Schweden lag,
hat die Fee es grad geschafft,
bevor sie ward dahingerafft,
im letzten Atemzug den Schweden
mit einem Fluch noch zu belegen:
„So soll’n sein Wirken und sein Tun
und alle seine Möbel nun
sein von niedrer Qualität
und geringer Stabilität,
soll’n beim Anblick schon erzittern,
beim Zusammenbauen splittern,
dass sich sogar die stärksten Mannen
den Inbus in die Beine rammen,
die Bauanleitungen für Thorben,
Sally, Billy, Smörr und Jorben
und wie immer sie auch heißen
in blanker Hysterie zerreißen,
den Nutzer beim Benutzen quälen
und immer sollen Schrauben fehlen!
Es soll das Holz in seinen Händen
zu aus geschützten Waldbeständen
gepressten Sperrholzplatten werden
und Lack soll dieses Leid verbergen!
Alle Schubladen sollen klemmen,
die Märkte soll’n sie überschwemmen,
dass das Elend die vier Wände
der armen Kunden weltweit schände,
die beim Kaufen und ermessen
Köttbullar und Hotdogs fressen!“
Und erlag dann ihren Wunden.
Der Fluch ward an die Welt gebunden
und er wirkt heute noch immer,
wirkt in jedem Kinderzimmer.
Kein Ort bleibt vor ihm verschont,
ob man dort lebt oder dort wohnt.
Jedes Stück aus dem blau-gelben
Katalog wird noch im selben
dunklen Wald am Arsch der Welt
vom alten Schweden hergestellt.
Und auch jetzt grad hebt er die Axt
–
und irgendwo stirbt noch ein Lachs.
Im Wald fiel Schnee auf kaltes Holz,
der tagsüber ein wenig schmolz