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WIECHERT, Ernst



Der Totenwald

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Der erste Tag verlief ihnen noch wie Gästen. Sie mussten zur Schreibstube, zur Revierstube, sie mussten auch Bretter oder Decken tragen oder die schweren Esskübel, die bei der geringsten Unvorsichtigkeit ihnen die Haut der Hände zu Blasen verbrannten. Alles im Lager geschah durch ihresgle­chen : die Bereitung des Essens, die Pflege der Kranken (wovon noch zu sprechen sein wird), der Bau der Häuser und Straßen, die Herstellung der Lichtanlagen, die Sorge um Wasserleitungen. Vom Geringsten bis zum Größten lag ihrer Hände Arbeit, ihr Schweiß, ihre Tränen, ihr Blut in allem, was man sah. In den Baracken und Stacheldrähten, in den Kasernen der SS außerhalb des Lagers, in den Prunkvillen der Führer, den Asphaltstraßen, den Gärten, den Lautsprechern, den großen Raubvogelhäusern und Bärenzwingern, in der Dressur der Bluthunde, die man zur Verfolgung der Flüchtigen brauchte, in den Musikkapellen, die aufgestellt wurden, ja selbst in der Anfertigung der Särge, in denen man die „Erledigten« zum Weimarer Krematorium brachte. Ihrer war die Arbeit und die Knechtschaft, jener war die Macht und das Herrentum. Ihrer war die Leistung, das Wissen, die Planung, das Schöpfertum aus dem Nichts, jener war die Unwissenheit, die Peitsche, der Kolben, das Richten, die Marter. Hier war das ganze Volk vom Bettler bis zum Reichstags­abge­ordneten, vom namen­los Geborenen bis zum Freiherrn, Handwer­ker und Gelehrte, Ärzte, Juristen und Pfarrer. Dort war die Uniform, unter der sich nichts verbarg als das Gleichmaß einer Weltanschauung. Dort wa­ren siebzehnjährige Wachtposten, Knechte nach äußerer und innerer Bildung und Haltung, vor denen der Adlige der Geburt oder des Geistes mit der Mütze in der Hand zu stehen hätte. Dort waren Blockfüh­rer, deren Sprache und Gebärden die von Zuhältern waren. Dort war ein Lagerführer, der Schlossergeselle gewesen war und der im Delirium mit der Peitsche durch die Bun­er ging.

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