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KÄSTNER, Erich


Chor der Fräuleins


Wir hämmern auf die Schreibmaschinen.

Das ist genau, als spielten wir Klavier.

Wer Geld besitzt, braucht keines zu verdienen.

Wir haben keins. Drum hämmern wir.


Wir winden keine Jungfernkränze mehr.

Wir überwanden sie mit viel Vergnügen.

Zwar gibt es Herrn, die stört das sehr.

Die müssen wir belügen.


Zweimal pro Woche wird die Nacht

Mit Liebelei und heißem Mund

Als wär man Mann und Frau, verbracht.

Das ist so schön! und außerdem gesund.


Es wär nicht besser, wenn es anders wäre.

Uns braucht kein innrer Missionar zu retten!

Wer murmelt düster von verlorner Ehre?

Seid nur so treu wie wir, in euren Betten!


Nur wenn wir Kinder sehn, die lustig spielen

Und Bälle fangen mit Geschrei

Und weinen, wenn sie auf die Nase fielen –

Dann sind wir traurig. Doch das geht vorbei.


Besuch vom Lande

Sie stehen verstört am Potsdamer Platz.

Und finden Berlin zu laut.

Die Nacht glüht auf Kilowatts.

Ein Fräulein sagt heiser: "Komm mit, mein Schatz!"

Und zeigt entsetzlich viel Haut.


Sie wissen vor Staunen nicht aus nicht ein.

Stehen und wundern sich bloß.

Die Bahnen rasseln. Die Autos schrein.

Sie möchten am liebsten zu Hause sein.

Und finden Berlin zu groß.


Es klingt, als ob die Großstadt stöhnt,

weil irgendwer sie schilt.

Die Häuser funkeln. Die U-Bahn dröhnt.

Sie sind das alles so gar nicht gewöhnt.

Und finden Berlin zu wild.


Sie machen vor Angst die Beine krumm,

Und machen alles verkehrt.

Sie lächeln bestürzt. Und sie warten dumm.

Und stehn auf dem Potsdamer Platz herum,

bis man sie überfährt.


Wo bleibt das Positive, Herr Kästner  ?

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,

in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:

»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«

Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.


Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen

den leeren Platz überm Sofa ein.

Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen,

gescheit und trotzdem tapfer zu sein.


Ihr braucht schon wieder mal Vaseline,

mit der ihr das trockene Brot beschmiert.

Ihr sagt schon wieder, mit gläubiger Miene:

»Der siebente Himmel wird frisch tapeziert!«


Ihr streut euch Zucker über die Schmerzen

und denkt, unter Zucker verschwänden sie.

Ihr baut schon wieder Balkons vor die Herzen

und nehmt die strampelnde Seele aufs Knie.


Die Spezies Mensch ging aus dem Leime

und mit ihr Haus und Staat und Welt.

Ihr wünscht, daß ich's hübsch zusammenreime,

und denkt, daß es dann zusammenhält?


Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.

Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.

Es gibt genug Lieferanten von Windeln.

Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.


Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen

und wickelt die Sorgen in Seidenpapier!

Doch tut es rasch. Ihr müßt euch beeilen.

Sonst werden die Sorgen größer als ihr.


Die Zeit liegt im Sterben. Bald wird sie begraben.

Im Osten zimmern sie schon den Sarg.

Ihr möchtet gern euren Spaß dran haben ...?

Ein Friedhof ist kein Lunapark.



Der Herr ohne Gedächtnis

Er griff dem Leben in die Taschen

und trieb mit Tod und Teufel Spaß.

Sein Maul war (bildlich) ungewaschen.

Er trank aus ziemlich allen Flaschen

und nahm bei Nacht den Sternen Maß.

Er stand auf dem Balkon des Jahres,

sah Scheußliches und Wunderbares,

und er vergaß.


Er kannte mehr als tausend Damen.

Die zeigten ihm ihr Herz en farce.

Er spielte mit in tausend Dramen.

Er reiste unter tausend Namen

und sah durch Wände durch wie Glas.

Er lebte oft von Überresten.

Er wohnte manchmal in Palästen.

Und er vergaß.


Er war Friseur. Und Kohlenträger.

Er wurde krank. Und er genas.

Er schoß am Kongo Bettvorleger

und am Isonzo Alpenjäger

und boß beinhahe selbst ins Gras.

Er fuhr auf Dampfern, die zerbrachen.

Er hustete in allen Sprachen.

Und er vergaß.


Und wenn sie ihn mit Blicken maßen,

in denen leichtes Grauen saß,

floh er auf Inseln mit Oasen.

Zu Menschen, welche Menschen fraßen,

indes er aus der Bibel las.

Oft reicht die Trauer nur für Späße ...

Er hoffte, Daß man ihn vergäße,

wie er die anderen vergaß.

Und so geschah´s.



Traurigkeit, die jeder kennt

Man weiß von vornherein, wie es verläuft.

Vor morgen früh wird man bestimmt nicht munter.

Und wenn man sich auch noch so sehr besäuft:

Die Bitterkeit, die spült man nicht hinunter.


Die Trauer kommt und geht ganz ohne Grund.

Und angefüllt ist man mit nichts als Leere.

Man ist nicht krank. Und ist auch nicht gesund.

Es ist, als ob die Seele unwohl wäre.


Man will allein sein. Und auch wieder nicht.

Man hebt die Hand und möchte sich verprügeln.

Vorm Spiegel denkt man: ,Das ist dein Gesicht?.

Ach, solche Falten kann kein Schneider bügeln!


Vielleicht hat man sich das Gemüt verrenkt?

Die Sterne ähneln plötzlich Sommersprossen.

Man ist nicht krank. Man fühlt sich nur gekränkt.

Und hält, was es auch sei, für ausgeschlossen.


Man möchte fort und findet kein Versteck.

Es wäre denn, man ließe sich begraben.

Wohin man blickt, entsteht ein dunkler Fleck.

Man möchte tot sein. Oder Gründe haben.


Man weiß, die Trauer ist sehr bald behoben.

Sie schwand noch jedes Mal, so oft sie kam.

Mal ist man unten, und mal ist man oben.

Die Seelen werden immer wieder zahm.


Der eine nickt und sagt: »So ist das Leben.«

Der andre schüttelt seinen Kopf und weint.

Wer traurig ist, sei's ohne Widerstreben!

Soll das ein Trost sein? So war's nicht gemeint.


Misanthropologie

Schöne Dinge gibt es dutzendfach.

Aber keines ist so schön wie diese:

eine ausgesprochen grüne Wiese

und ein paar Meter veilchenblauer Bach.

Und man kneift sich. Doch das ist kein Traum.

Mit der edlen Absicht, sich zu läutern,

kniet man zwischen Blumen, Gras und Kräutern.

Und der Bach schlägt einen Purzelbaum.

Also das, denkt man, ist die Natur?

Man beschließt, in Anbetracht des Schönen,

mit der Welt sich endlich zu versöhnen.

Und ist froh, dass man ins Grüne fuhr.

Doch man bleibt nicht lange so naiv.

Plötzlich tauchen Menschen auf und schreien.

Und schon wieder ist die Welt zum Speien.

Und das Gras legt sich vor Abscheu schief.

Eben war die Landschaft noch so stumm.

Und der Wiesenteppich war so samten.

Und schon trampeln diese gottverdammten

Menschen wie in Sauerkraut herum.

Und man kommt, geschult durch das Erlebnis,

wieder mal zu folgendem Ergebnis:

Diese Menschheit ist nichts weiter als

eine Hautkrankheit das Erdenballs.


Kennst Du das Land

Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?

Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!

Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn

in den Büros, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.

Und unsichtbare Helme trägt man dort.

Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.

Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will

- und es ist sein Beruf etwas zu wollen -

steht der Verstand erst stramm und zweitens still.

Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen

und mit gezognem Scheitel auf die Welt.

Dort wird man nicht als Zivilist geboren.

Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.

Es könnte glücklich sein und glücklich machen?

Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein

und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt´s dort dann und wann!

Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.

Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.

Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.

Was man auch baut - es werden stets Kasernen.

Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?

Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!