SCHICKELE, René
Kinderglaube?
Ein Engel, hieß es, als wir Kinder waren,
ist unterwegs, der sammelt jeden Schmerz,
den bösen, ungerechten, unduldbaren,
und fliegt hinauf und rührt an Gottes Herz.
Und zu Musik wird einer Schande Name,
es trägt als Duft ihn jeder Wind,
und Traumgespiele, helle, wundersame,
gesellen sich dem Schmerzenskind.
Das plötzlich strahlt. Es sieht: die Himmel rüsten,
dem Qualverstummten Gottes Arm zu leihn…
Ach, wär es wahr, sagt, wieviel Engel müßten
da heute wohl auf allen Wegen sein!
Wenn es Abend wird
Die Engel der Liebkosung steigen nieder,
von weitem kommen deine Hände wieder,
und deine Augen sind so mild, so weit,
daß alle Dinge drin verklärt gen Himmel fahren.
Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine Worte sangen,
im Kleinsten, das einmal deinen Atem gespürt, lebt brünstiges Verlangen,
wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll Dunkel waren.
Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten,
daß ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel warten.
Die Bäume werden atemlos und stehn beklommen,
die Bäche horchen auf, ein tiefer Traum belauscht dein Kommen,
am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht,
Wunderbare Trunkenheit! (S. 34)
Ballade von der Frau Minne
Dein glühend Reich dehnt sich von Ost nach West,
zehn Tagemärsche sind von einer Lust zur andern.
Vieltausend Helden wollten dich durchwandern,
denn deine ferne Sonne schien ein Fest.
Sie fielen in die Schlünde deiner Augen.
Erblindeten an deiner Brüste Rand.
Es stach mit Wahnsinn sie der Sonnenbrand,
sie mordeten, um frisches Blut zu saugen.
An deinen Lenden endete das Schlachten nie,
mit letzten Kräften kämpften sie vor deinen Toren.
Manch Heldenlied ward unter Schwertern da geboren,
doch jeder, der es sang, verstummte jäh und schrie.
In deinem Haar, das über Berge klettert, wohnen
die Geister jener Helden, die dein glühend Reich verschlang,
sie spielen Minne wie die Kinder, Ewigkeiten lang,
sie sprechen wie Musik und tragen kleine Kronen. (S. 63)
Nachtfest
Du saßt, als hättest du gewartet,
wie ich durch den Garten kam,
Du gabst dein Haar und bogst dich lächelnd,
da ich's in die Hände nahm.
Schrittst du vor mir, begann dein Leib
sich leise wie für mich zu drehn.
Du tanztest inniglich!
Ich sollte dich in meinen Träumen sehn.
Ach jedesmal, wenn sich dein Gang an meinem wiegte,
dein Blut wie Wellen rauschte unter dir und mir,
traf mich dein Blick, da sanken deine Kleider schier
und wurden vor mir Glühendem zu Asche. (
Lied
In ihrem Herzen hat
für mich die Stunde schon geschlagen.
In ihren Augen hat
man mich zu Grabe schon getragen.
Von ihrem Körper sind
meine Umarmungen geglitten.
Die schwarzen Ritter sind
im Licht über mein Grab geritten.
Grossstadtvolk
Ja, die Grossstadt macht klein . . .
O, lasst euch rühren, ihr Tausende . . .
Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:
Sie wurzeln fest und lassen sich züchten.
Und jeder bäumt sich anders zum Licht.
Ihr freilich, ihr habt Füsse und Fäuste,
Euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,
Ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern.
So geht doch, schafft euch Land! Land! Rührt euch!
Vorwärts! Rückt aus
…..
Denk ich an deinen Mund, o Frau
Denk ich an deinen Mund, o Frau,
du Liebe,
blühn Himmel warmen Bluts, das dargebracht
aus Liebe.
Denk ich an deinen Leib,
ich durfte mich ihm liebend nahn,
gehn Meere weißen Lichts,
wie es die Frommen sahn,
sie sagten auch, daß Gott darinnen lebt.
Dies Weiß und Rot steht vor der großen Nacht
wie ein verschwommen Angesicht,
wie eines Freudenschlosses Flammenuntergang,
aus dem, ein Phönix, sich der Mond erhebt.
Lobsprüche 6
Als ich sie abends im Garten sprechen sah
Sind ihre Lippen nicht schon ihre Brust und Hüften ganz? ...
Die Lippen, die sich regen, nicht schon ihres Leibes leiser Tanz
und ihre Müdigkeit schon ihres Schlafes Blumenglut:
ein Mondleib, überschwemmt von Rosenblut,
und mehr noch - ganz? (S. 14)
Lobsprüche 8
Dein Gang nimmt Zorn und Weh von mir,
und wie sich deine Hüften wiegen,
fühl ich die Erde mit uns fliegen
durch Himmelsbläue für und für:
O schöne Fahrt, so leicht wie Wind,
vor dem die Fernen sich entfalten!
Wir wollen uns für Götter halten,
die auf der Hochzeitsreise sind.